Die Villa der Dame von Tal
#21

Dia Elisat Diakaj von Tal

Adelstochter
Mensch
Zurück


Das vertraute Band zwischen den beiden Frauen wurde nicht nur von der Adeligen erkannt. Wenn Dia Elises Gesicht beobachtete und die Regungen las, die Freundlichkeit sah und die Zuneigung spürte, dann wusste sie, dass sie aller Umstände zum Trotz eine neue Freundin gefunden hatte. Auch wenn der Abend kam und das Gespräch sich dem Ende neigte, so war doch die heilsamste aller Begegnungen gewesen. Ruhig und besonnen, tief und herzlich, freundlich und fürsorglich waren sich die beiden begegnet und auch wenn sie ein zögerlicher und vorsichtiger Charakter einte, überkam Dia eine tiefe Überzeugung, dass ihr gemeinsamer Weg noch kein Ende gefunden hatte.
Auch als Elise aufstand und den Kopf neigte, gerade, als die Dame über den späten Abend sinnierte, zweifelte sie nicht daran, dass sich die Wege kreuzen würden. Grazil stand sie ebenfalls auf, um einem zu großen, unterwürfigem Verhalten vorzubeugen.
Ein Lächeln umspielte nun ihr Gesicht, als Elise ihrerseits Dank verkündete. Sie hätte zu gerne noch einmal beteuert, wie überaus wertvoll ihr der Besuch gewesen war – zwischen all den starken Händlern und hinterhältigen Adeligen war ihr das ehrliche Gesicht einer mitfühlenden Gemeinen das Liebste – aber sie wagte es nicht in der Befürchtung, ihre Aufrichtigkeit würde zu groß wirken und ihr Dank würde allein auf Grund seiner Tiefe unehrlich erschienen.
Stattdessen neigte sie nun ebenfalls ihr Haupt ein wenig – keinesfalls als vollendeter Knicks gedacht, sondern als Wertschätzung und Ehrerbietung einer solch weisen und ehrlichen Frau gegenüber. Kaum eine war ihr begegnet, die es mit dem grenzenlosen Mut dieser Bäuerin aufnehmen konnte. Nicht etwa, weil sie als Ausgestoßene freiwillig gemeldet hatte, sondern, weil sie wagte wozu Dia niemals im Stande wäre – einer Fremden die Wahrheit anzuvertrauen, auch wenn sie dafür gar Spott, Hohn und Peinigungen bekommen würde.

„Mir wäre beiderlei lieb“, erwiderte Dia eine Spur lauter und herzlicher, als ihr sonst ruhiger Umgangston erlaubte: „Sowohl ein weiterer Besuch Eurerseits als das Kennenlernen Eurer Sprösslinge. Sie müssen wahrhaft bezaubernde Kinder sein.“
Die Grafentochter bemerkte das Zaudern ihres Gastes und versuchte ein möglichst mildes Gesicht zu erhalten, damit Elise freimütig sprechen durfte, was ihr auf dem Herzen lag. So manches Geheimnis hatte sie mit einer solchen Mimik angekündigt und doch wunderte es Dia, als die Worte nun doch volle Zagheit kamen.
Zuerst blieb die junge Frau ruhig und hörte nur ihr Herz im Zwiespalt klopfen. Einerseits freute es sie sehr, eingeladen worden zu sein, obwohl die gute Elise Andeutungen machte, dass Dia abschlagen könnte. Andererseits fielen ihr genau in diesem eigentlich herrlichen Augenblick in dem schattigen, sicheren Garten einige Gründe ein, warum sie nicht gehen sollte – und keiner dieser Gründe hatte etwas mit der Gastgeberin zu tun.
Dia mied die Häuser der Gläubigen. Jene adeligen Frauen, die kein lasterhaftes Leben führten, waren meist heimlich hingegebene Priesterinnen einer Gottheit ihrer Wahl. Wissend um die Schande ihrer Vergangenheit, über die Dinge, die sie tat, um das Überleben zu sichern und die Dinge, die an ihr getan wurden, die sie ein für alle mal aus jeglichem freundlichen Kreis verbannen würden, konnte sich Dia nie unter diesen wohlfühlen. Noch dazu, dass Elise sie in das Geweihte eines Gottes einlud, der verpönt in Aran war. Ein fremder Gott, der andere Maßstäbe leerte und zu der Kriegernation gehörte, die gerne das Wort „Grenze“ weit auslegten und mit ihren Mannen schon vor Ort waren, bevor die Väter ihrer Väter überhaupt die Soldaten mobilisiert hatten. Es wäre demnach ein doppelter Verrat sich vor Kursor zu stellen. Der erste war an ihm selbst, denn welcher Gottheit wäre sie nicht ein Dorn im Auge, der zweiter wäre an ihrer Familie. Mit ihrem neuen Gesellenleben würden sie sich bestimmt besser zu arrangieren wissen, als mit einem halböfffentlichen Besuch einer solchen Stätte.
Dann begegnete Dia dem Blicke Elises. Ihre innere Verzweiflung, ihre Härte und alles andere schmolz dahin. Sie wollte diese Freundlichkeit nicht ausschlagen, nicht jetzt und nicht hier. Sie konnte und wollte nicht die Bande durchtrennen, die sie mit viel Mühe gewebt hatten.
„Ich bin Euch dankbar für die Einladung“, sagte sie leise, weniger bestimmt. Ihre Worte waren wie immer mit Bedacht gewählt, das Letzte, was sie nun brauchte, war auch noch eine Lüge über ihre Zunge gleiten zu hören: „Es ist bestimmt ein schönes Gebäude, dass sich der Anblick lohnen wird.“
Sie lächelte noch ein wenig verzagt und versuchte die Sorgenfalten von ihrem Gesicht zu verstreichen. Ihr Blick fiel auf den treuen Hund, der nun den Blick hob und voller Vorfreude kräftig den Schwanz auf den Boden schlug: „Ich würde Euch noch gerne zum Tor begleiten“, sprach sie und nahm die ersten Schritte dorthin.
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#22

Elise Heimbruch

Bäuerin
Mensch
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Ein eigenartiges Gefühl ergriff von Elise Besitz, während sie Dias Antwort auf ihre Einladung erwartete. Jener leichte Anflug von Unruhe, der zunächst nur ihre Zehenspitzen erfüllte, bahnte sich rasch seinen Weg durch ihren restlichen Körper, bis die Bäuerin schließlich nervös mit einem Stiefel über den Boden scharrte und hierbei immer wieder unmerklich ins Leere sah. Wie ihr auffiel, empfand sie solche Unrast nicht seit jenem Tage, da ihr späterer Mann sie mit blumigen Worten auf dem Erntefest in Lorgand umwarb. Die weichen Knie und das flaue Gefühl in der Magengegend, all dies passte eher zu einem verliebten Mädchen denn einer gestandenen Bauersfrau und umso peinlicher kam Elise ihr Verhalten vor. Immerhin stand sie hier vor keinem Mann, der ihr den Hof machte und die Tage, in denen sie einer jugendlich naiven Vorstellung von Romantik verfiel, lagen etliche Jahre hinter ihr. Nichtsdestotrotz, die Gunst der Glaserin, welche sie mit einem solch tiefen Vertrauensbeweis ehrte, wog nicht annähernd die Wertschätzung eines gutaussehenden Verehrers auf, folglich harrte Elise der Erwiderung ihrer neu gewonnenen Freundin gleich einer unbeholfenen Junggesellin und jedes flüchtige Blinzeln wurde zu quälender Ewigkeit.

Denn in der Tat zögerte Dia, ihr Einverständnis zu erklären. Sie verbarg es wie üblich mit unnachahmlichem Geschick, neigte in aller Bescheidenheit das Haupt und einer weniger aufmerksamen Betrachterin wäre jener kurze Anflug von Sorge, der in ihren kristallblauen Augen aufblitzte, sicherlich entgangen. Elise allerdings nahm ihn deutlich wahr und von neuem überkamen sie nagende Zweifel. Wirkte ihr Vorhaben, die Gastfreundschaft der Gesellin sogleich zu vergelten, möglicherweise überhastet oder gar aufdringlich? Für die Bäuerin ergab dies zwar Sinn, denn in solchen Fällen neigte sie unseligerweise recht oft dazu, leicht vorschnelle und wenig bedachte Vorschläge zu machen. Dias Reserviertheit aber ging über einen bloßen Mangel an Spontanität hinaus, vielmehr deutete ihr gramvolles Antlitz einen tieferen Konflikt an, den Elise gleichwohl nicht einmal erahnen konnte.

Als die Glaserin das Schweigen endlich brach, fiel der Bäuerin ein Stein vom Herzen. Die von ihr so ersehnte Annahme der Einladung in die Feste ließ ihr Herz innerlich einen Satz machen. In einem Anflug nicht weniger jugendlicher Leichtfüßigkeit malte sich Elise bereits aus, wie sie Dia durch den Palas und die Kapelle führen würde, um ihr all die Kleinode der Feste zu zeigen. Nach einem anfänglichen Freudenstrahlen gefror der Überschwang im Gesicht der Gemeinen allerdings bereits wieder zu Eis, denn auf den zweiten Blick offenbarte Dias Ausdruck im Gegensatz zu der Vorfreude, die sie beteuerte, keinen rechten Enthusiasmus. Von neuem suchte die Ungewissheit Elises Gemüt heim. Die Angst, ihre Gastgeberin soeben zu einer Zustimmung aus reiner Höflichkeit genötigt zu haben, veranlasste sie dazu, sorgenvoll die Lippen zu kräuseln.

Für einen Widerruf der vorschnellen Offerte war es nun freilich zu spät. Dia bedachte kurz ihren getreuen Merix mit wohlwollender Aufmerksamkeit, ehe sie Elise antrug, gemeinsam zum Gartentörchen zu gehen und kurz darauf bereits in aller Würde von dannen schritt. Die Bäuerin blieb ihrerseits zuerst wie angewurzelt stehen.

„Oh. Aber gewiss doch. Überaus gern“, brachte sie ein wenig überrumpelt hervor. Dann eilte sie schnell mit großen Schritten hinter der Gesellin her.  

Merix, der den Ausflug an den nahen Zaun zweifellos bereits vorausahnte und in Elises Gebaren überdies anscheinend die Aufforderung zu einem heiteren Spiel erkannte, folgte den beiden Frauen auf für sein Alter erstaunlich flinken Pfoten, während seine buschige Rute vor Freude im Wind tanzte.

Ohne die unbeschwerte Heiterkeit des Hundes vollauf wahrzunehmen, trat die Bäuerin etwas ungelenk an die Seite des ungleich würdevolleren Glasermädchens und begann dabei, hilflos an den Falten ihres Rocks zu zupfen. Noch immer kam ihr nicht in den Sinn, was Dias Zurückhaltung bezüglich eines Besuches der Festung des roten Greifen auslöste. Immerhin handelte es sich bei den Paladinen um die tapfersten Beschützer Gonds und ihr außerordentlicher Ruf eilte ihnen selbst in die entlegensten Gegenden voraus. Das Allerheiligste dieses legendären Ordens zu betreten, bedeutete demzufolge ein großes Privileg und Dia stellte dies gewiss nicht in Frage. Ungeachtet dieser Tatsache leuchtete Elise allmählich ein, weswegen die Gesellin Vorbehalte gegen einen Aufenthalt hegte. Zwar ähnelte die Heimstatt von Kusors Garde rein äußerlich eher einem kleineren Kloster als einer ausgewachsenen Trutzburg, gleichwohl haftete ihr natürlich ein unverkennbar martialischer Charakter an, der auch die Bauersfrau noch immer mit größter Ehrfurcht erfüllte. Für jemanden, der zeitlebens niemals mit kriegerischen Traditionen in Berührung kam, konnte sie darüber hinaus äußerst furchteinflößend wirken. Und weshalb sollte Dia in dieser Hinsicht anders empfinden?

Elise dachte während des kurzen Marsches angestrengt darüber nach, wie sie diese Furcht wohl zerstreuen konnte. Wenn sie daran dachte, wie sehr dereinst ihre Finger zitterten, nachdem Tristan seinen Schild auf dem Wehrgang in Engelsfall in ihre Hände übergab, wurde ihr klar, weshalb dies kein leichtes Unterfangen darstellte. Einem dieser Krieger leibhaftig zu begegnen, würde Dia mit einiger Wahrscheinlichkeit in ähnliche Aufruhr versetzen. Doch wenn die Glaserin auf ihren Beistand vertraute, gab es keine Rechtfertigung, sie zu enttäuschen. Und bestimmt, so entschied Elise schlussendlich, lohnte die Begegnung mit den göttlichen Streitern am Ende auch für ihren künftigen Gast.

Rasch erreichten jene drei ungleichen Gefährten die hölzerne Pforte. Etwas unschlüssig berührte Elise das Türchen mit ihrer rechten Hand, ohne es bereits öffnen zu wollen. Stattdessen wandte sie sich um, kniete nieder und strich durch das zerzauste Fell auf Merix‘ Kopf, welcher sich schwanzwedelnd an der Seite seines Frauchens niederließ.

„Ich fürcht, nun heißt es Abschied nehmen, mein Guter“, sprach sie mit sanfter Stimme. „Sei artig und pass schön auf deine Herrin auf. Wir sehen uns bestimmt bald wieder, versprochen.“

Gemächlich stand die Bauersfrau wieder auf und sah nun Dia in die Augen. Die Hände in ihrem Schoß gefaltet, wiederholte sie die vormalige Geste der Bürgerstochter und senkte gleichsam das Haupt.

„Und ich freu mich so sehr, Fräulein Dia. Euch in der Feste willkommen heißen zu dürfen, wird mir eine Ehre sein. Sie ist ein Ort voll der Einkehr und Weisheit. Ihr werdet Euch ganz bestimmt dort wohlfühlen.“

Die Lippen der Bauersfrau formten ein vorsichtiges Lächeln.

„Kommt gern, wann immer es genehm ist. Des Nachmittags hab ich normalerweise die meisten meiner Pflichten getan.“

Elise überlegte kurz und nestelte an der Schleife, welche die Enden ihrer Haube beisammenhielt.

„Am Tore dürftet ihr vermutlich meist den edlen Paladinen Baro und Karn begegnen.“

Bei diesen zögerlichen Worten wurde die Bäuerin unmerklich rot im Gesicht. Vor ihrem geistigen Auge erschien der schlagfertige Haudegen an der Seite des stoischen Riesen. Nur zu gut erinnerte sie sich an den Schabernack, den er greise Baro nur zu gern mit seinem eindrucksvollen Kumpan trieb, von den markigen Sprüchen des Alten ganz zu schweigen. Und so lieb sie beide mittlerweile auch gewonnen hatte, umso mehr fürchtete sie, das ungleiche Gespann könnte Dia frühzeitig in die Flucht treiben. Behutsam machte Elise den Versuch, die Eigenheiten der Wächter zu erläutern, bei jeder Silbe peinlich darauf bedacht, nichts Geringschätziges zu sagen.

„Ihr solltet wissen, Herr Baro kann manchmal, nun ja, ein wenig direkt sein. Und Herr Karn ist, wie soll ich’s ausdrücken, ein recht großer Mann. Um ehrlich zu sein, ich fürchtete mich fast, als wir uns zum ersten Male begegneten. Er hat ja immer diesen großen Morgenstern.“

Zu spät bemerkte die Bauersfrau ihre Dummheit bei diesem letzten Satz. Sogleich hob sie beschwichtigend die Arme und fuhr hektisch fort.

„Aber Ihr müsst Euch deswegen nicht sorgen. Beide sind sie wahre Rittersleut und dienen mit aller Hingabe jedem guten Menschen. Sie schicken nach mir, sowie Ihr meinen Namen sagt. Das wollt ich Euch nur wissen lassen.“

Elise beschlich eine Ahnung, nur noch wirres Zeug zu reden. In dem Bestreben, Dia nicht weiter zu verunsichern, suchte sie nun, den Abschied rasch zu verkürzen, um nicht noch in ein weiteres Fettnäpfchen zu treten. Der heutige Tag war viel zu kostbar. Ihn durch Unbedacht in letzter Minute zu zerstören, wollte die Gemeine nicht riskieren.

„Es wird spät“, flüsterte sie und verbeugte sich noch einmal tief. „Zur Abendmesse erwartet man mich zurück. Habt nochmals tausend Dank für die schöne Zeit. Möge Kusor Euch behüten.“
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