Die Villa der Dame von Tal
#1
Die alte Stadtvilla
              - neue Residenz von Dia Elisat Diakaj von Tal

[Bild: Screen%2Bshot%2B2012-03-25%2Bat%2B12.34.25%2BAM.png]

Am Rande des Nordviertels steht eine alte Villa, die das Wort baufällig bestens verdient hatte. Die Nähe zum Westviertel erklärt die zerbrochenen Fenster, das Fehlen von irgendwelchen alten Möbeln und der allgemeine Vandalismus.
Der ehemalige Eigentümer war nur allzu froh, die einst prächtige, aber kleine Villa in neue Hände übergeben zu können.
Dia Elisat Diakaj von Tal ist hier eingezogen.
Noch ist ein wirklicher Unterschied nicht sichtbar, noch immer fehlt der Villa einiges an seinem alten Glanz. Den kleinen Zinnen und Türmchen fehlen meist ein paar Ziegeln, den Wänden fehlt hier und dort ein wenig Putz und die Villa selbst ist noch nicht vollständig möbeliert, auch wenn sie bereits ein schönes Schlafzimmer für die Edeldame, einen netten Empfangsraum und einen feierlichen Essenssaal enthält, ist die Ausstattung in den Schlafräumen des Personals und in der Küche doch eher rudimentär. Die Villa besticht eher mit ihrer bescheidenen Eleganz als mit Prunk und Protz.
Zur Zeit besteht das Personal aus dem alten Friedrich und dem stillen Josef, zwei Leibwächtern, dem neu angeworbenen Gärtner Heinrich und der Zofe Melissa, die unter dem Verdacht stand für andere Häuser Klatschnachrichten zu sammeln.
Ausschreibungen für andere Mägde und Diener sind bereits eingegangen, aber aus unerklärlichen Gründen weist die Dame des Hauses diese meist sofort oder nach einiger Zeit ab, egal, wie qualifiziert die Bewerber auch sein mögen.

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Dia Elisat Diakaj von Tal

Adelstochter
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Sie glitt die Treppe herunter, als wäre ihre Verletzung keine Echte. Das lange dunkelgrüne Kleid umscheichelte ihre Bewegungen, während sie die letzten Schritte über den dicken Teppich zur Tür unternahm. Josef schaute sie ein wenig nachdenklich an. Es war noch immer schwer den Ausdruck seiner Herrin richtig zu deuten. "Wollt Ihr, dass ich Euch begleite?", fragte er, als er ihr mit dem dunkelblauen Umhang half. Die Dame lächelte mild und schüttelte den Kopf: "Ich schätze Merix als meine Begleitung."
Josef warf einen zweifelnden Blick nach draußen. Die Dunkelheit würde sich bald über Aron legen und die junge Dame war die letzte Person, die für ihre eigene Sicherheit sorgen könnte.
"Wann können wir Eure Rückkehr erwarten?", fragte er.
Dia lächelte leicht: "Ich habe vor, einen Bekannten der Familie im Handelsviertel anzutreffen. Er ist gewiss ein Edelmann und würde mich bestimmt zurückbegleiten."
Der Leibwächter nickte. Es war nicht das erste Mal, dass die Dame ihn zurück ließ.
Dann rief die Frau ihren Hund und verließ mit ihm das Grundstück.
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#2

Dia Elisat Diakaj von Tal

Adelstochter
Mensch
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Ein paar weitere Herzschläge und Dia tauchte ein in eine völlig andere Welt. Sie hatte geglaubt, dass nur noch der alte Friedrich auf sie warten würde, aber da stürmten auch Josef, Melissa und selbst Heinrich, der Gärtner, auf sie zu. Natürlich hielten sie respektvollen Abstand und doch waren ihre Worte so mahnend und so deutlich, dass sie um das Wohlergehen der Dame besorgt waren.
Verlegen blickte Dia auf Seite und bemühte sich nicht erst, ihr Verhalten zu erklären. Es war ihr unmöglich zu erklären, welche Gefühlswallungen in ihr brannten. Der Verlust ihres Meisters und ihres einzigen Freundes in der Stadt. Die einschleichende Einsamkeit, die sie so gut zwischen Fremden erlangen konnte, das merkwürdige, aber auch belebende Gespräch mit einer Seelenverwandten und der Umstand, dass sie womöglich gar selbst ihr Leben in die Hand nehmen könnte...
All das brodelte noch in ihr, während Melissa ihr ungeniert die Hände nahm und das junge Fräulein unter freundlicher Schelte ins Haus führte.
„Mir geht es gut“, versuchte Dia all diesen Trubel zu beruhigen, aber Friedrich maulte und ermahnte sie, was nur ihr Bruder anstellen würde, wenn seine geliebte Schwester verloren gehen würde.
Dia konnte sich zwar nicht wirklich vorstellen, dass er ausgerechnet ihren Leibwächtern die Schuld geben würde – und doch war sie sich auch sicher, dass die beiden Herren gewiss besser schlafen würden, würde die Dame sie zu nächtlichen Spaziergängen mitnehmen.
Als sie sich auf der Türschwelle noch einmal umdrehte, um nach Elise und Canis zu schauen, da entdeckte sie nur lange Schatten im Schein der Straßenlaternen. Ihre neu-gefundenen Bekannten waren nicht mehr zu sehen.

Auch am nächsten Tag begleiteten sie die Gedanken über jenes Gespräch sie erneut. Dia erwog die Sympathie, die beide Parteien für den jeweils anderen hatten und kam zum Schluss, dass sie sich die Tiefe ihrer Verbundenheit nicht eingebildet hatte. Sie hatte deutlich spüren können, dass eben jene Bauersfrau eine scheinbar ebenso harte Vergangenheit zu eigenen nennen musste, die ebenfalls durch erfreuliche Zwischenfälle ein wenig der Bitterkeit verloren hatte. Und doch waren auch hier so viele Fragen und Rätsel, über die zu grübeln sie sich erlaubte, solange wie sie die Freundin – sollte sie denn je tatsächlich vorbei schauen – nie selber Fragen würde.
Die wenigen Worte über die Kinder. Ein ähnlicher Herkunftsort. Schicksalsschläge, die einem Tragödienschreiber wie Meisterwerke erscheinen müssten. Und dass sie beide an sich selbst die Zeichen ihrer Vergangenheit trugen. Elise auffällig direkt im Gesicht, während Dia schwerfällig versuchte ihrem Bein Eleganz beizubringen.
Ihre Gedanken verweilten noch bei dem Vortag und der Tragik des Verlorenen Meisters, als sie Blumen pflanzte und Gemüse sähte. Zwar verstand Dia, warum das Pflegen eines Ziergartens für eine Dame angemessen war, aber die Sorge um einen Nutzgarten schon als Arbeit eingestuft wurde – und doch würde sie es als wahre Wohltat empfinden, wenn ihre Hände den herbstlichen Salat ermöglicht hätten.

Am Abend hätte sie es nicht zugegeben, aber ein Teil von ihr hatte sich auf das Eintreffen Elises gefreut und schien enttäuscht darüber zu sein, dass es keinen voreiligen Besuch gab. Schon längst waren ihre unbedachten Worte verzeiht und Dia schwelgte in ihrer Einsamkeit, die für einen so kurzen Moment zerrissen worden war. Jetzt erschien ihr ihr Inneres deutlich leerer und unangebrachter, nahezu bedeutungslos zwischen all den Menschen, die kein Verständnis aufbringen könnten.
Sie war nicht direkt unglücklich, denn dafür war sie viel zu genügsam und dankbar. Und doch war ihr schmerzhaft bewusst, wie sehr ihr Freundschaft oder Familie fehlte und wie wenig ihre Dienerschaft das ausgleichen konnte.
Glücklich hatte sie die Dankbarkeit gemacht, die ihr die junge Frau ausgedrückt hatte. Und wie sonderbar von Dia selbst, einen so großen Schritt zu tun – und doch, die Reaktion der guten Elise schien es ihr Wert zu sein. Und so konnte sie nur weiterhin in die Zukunft blicken, hoffend, dass die Bäuerin ihre Zusage erfüllen würde und dies nicht nur die beschwichtigenden Worte einer gutherzigen Person waren. Aber sie sagte, wenn sie es einrichten könne. Wann auch immer dies wäre...
Letzten Endes entschloss sie sich, dem Bürgeramt von Aron einen Besuch abzustatten. Zwar hatte Meister Marwerda Bürokratie verabscheut und dennoch hatte der Elf alles daran gesetzt, die richtigen Unterlagen an die richtigen Leute zu bekommen und alles dennoch dem menschlichen Verwaltungssystem gerecht zu verarbeiten.
Für ihre Fragen über den Verbleib ihres alten Meisters, für die Fragen über die Zukunft des Ladens und für die Fragen, ob sie womöglich tatsächlich als Erbin vorgesehen war – was sie wirklich nicht hoffte – würde sie wohl eben jenem Amt einen Besuch abstatten, in dessen Stuben sie vor vielen Jahren zur Gesellin erklärt wurde und vor noch mehr Jahren zum Lehrling eingezogen wurde.
Dort würde es noch immer Akten über sie geben, so, wie sie Herrn Dingel einschätzte... Sie musste hoffen, dass er nicht den Zusammenhang von einer Adeligen und einer Gesellin erkennen würde – auch wenn wohl zwangsläufig alleine durch denselben Namen eine nicht umzukehrende Vermutung im Raum stehen würde...
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#3

Dia Elisat Diakaj von Tal

Adelstochter
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Wer die Straße hinauf kam und die verspielte Villa im prallen Sonnenlicht sah, konnte bei näherer Betrachtung auch in dem verwilderten Garten zwei Gestalten ausfindig machen. Der Eine stand auf einer hohen Leiter, der Körper vom Torso hinauf in dem wilden Kirschbaum verschwunden. Die andere stand zu deren Füßen, artig und gradlinig, während sie Kirschen in Reichweite in einen großen Weidekorb legte.

Melissa hatte Dia letzten Endes verboten, ein weiteres Mal den ganzen Tag in der Werkstatt zu verbringen. Die Zofe hatte aufgehört mit Schicklichkeit zu argumentieren oder der Edeldame mit Blicken begreiflich zu machen, wie unsäglich ihr Verhalten war. Zwar hatte die Komtesse sich bemüht, ihrer Dienerschaft eine spärliche Zusammenfassung über ihre sinnlose Flucht und der Hilfe, die sie damals durch den großen Meister Marwerda bekam, zu geben. Bei ihrer kurzen Erzählung hatte die kleine Dienerschaft mit gesenktem Kopf gelauscht und kaum reagiert. Zu abstrus war ihnen die Geschichte, zu erfunden musste der Inhalt sein.
Und doch hatte die Edeldame das Haus eines Meisters geerbt.
Und, wie Dia betonte, sie hatte am Vortag eine lange Liste an Aufträgen angenommen. Wer wollte schon gehen und den wahren Grund nennen, warum sie diese nicht erfüllen könnte?
Und so war es nicht bei den Gläschen für den Gnom geblieben. Die Liste schien sich nicht zu lehren, auch wenn die Gläserin stets darauf achtete, ein wenig mehr als der Meister der Stadt zu verlangen und alle Kunden direkt zu ihm zu senden. Doch kaum jemand hörte auf sie.
Manchmal hatte sie gar das Gefühl, dass die stattlichen Männer nur deshalb Kleinigkeiten bestellten, um sie beobachten und einschätzen zu können. Als wäre sie ein ungewöhnliches Phänomen in Aron, das es zu erkunden galt.

Nichtsdestotrotz konnte sie dennoch nicht leugnen, wie gerne sie hinter dem Blasebalg stand und wie gut sich das Erschaffen kleiner Kunstwerke anfühlte. Akribisch führte sie Buch über die Aufträge und die Preise. Genaustens sortierte sie die Steuern in eine Holzschatulle und ihre Gewinne in eine andere. In drei Wochen würde sie sich Gedanken über weitere Materialien machen müssen.
Momentan hatte sie nur den Gläser- und Schüsselvorrat ihrer eigenen Villa aufgefüllt. Irgendwann waren die Fenster an der Reihe.
Heute wäre sie auch in das Ostviertel gegangen und hätte weiter produziert, aber an dem frühen Morgen war sie bei ihren Nachbarn zum Frühstück eingeladen worden und Melissa ließ sie nach der standesgemäßen Verabredung nicht mehr aus dem Hause.
„Wenn sie doch noch nach Euch schicken“, hatte sie in einer mütterlichen Rüge erklärt: „So sollten wir nicht in die Verlegenheit kommen, Eure Abwesenheit zu erklären.“
Nun, am Vormittag, stand sie zwischen den duftenden Kirschen und füllte langsam den Korb, während Heinrich freimütig über sein Leben schwatzte. Er war der Einzige, der nicht in Dias altes Leben eingeweiht war. Aber das tat seiner Freundlichkeit keinen Abbruch. Als die Adelige ihn eingestellt hatte, da war er wortkarg und höflich gewesen. Jetzt schien er sich an der einfachen Arbeit zu erfreuen und erzählte nur liebend gerne den Werdegang aller sechs Söhne – während Dia ihm gerne zuhörte, denn sie selbst hatte diesem Gespräch kein einziges Wort beizufügen und dennoch war Heinrich glücklich und zufrieden in seinem Element.

Ihr dunkelgrünes Kleid raschelte, wenn ihre weiße Spitzenschürze gegen ihr Kleid wehte. Ihre Finger waren rot von dem herrlichen Kirschsaft und auch ihr Gaumen erfreute sich an der reichen Ausbeute aus diesem sonst eher nutzlosen Garten. Die Brombeeren würden vielleicht in ein paar Wochen reifen.... Aber nichts davon durfte sie Arbeit nennen. Nein, jene hatte sie gänzlich auf das Ostviertel verlagert.
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#4

Elise Heimbruch

Bäuerin
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Elise erinnerte sich noch sehr gut an den Weg, der zu Dias Anwesen führte, schließlich lag die liebenswerte kleine Villa nicht allzu weit von der Feste der Paladine entfernt und die übersichtlichen Straßen des Nordviertels brachten auch eine zuweilen etwas vergessliche Bäuerin kaum in die Verlegenheit, sich ein zweites Mal innerhalb kürzester Zeit zu verlaufen. Es war ein angenehm warmer Tag und lediglich einige blütenweiße Wolken prangten an einem sonst tiefblauen Himmel. Die wenigen Menschen, welche ihren Weg kreuzten, erfreuten sich an dem heiteren Wetter und schenkten der jungen Frau in dem mitgenommenen Baumwollkleid aller Befürchtungen zum Trotz keinerlei Beachtung. Wenn sie überhaupt jemand bemerkte, dann lediglich mit derselben Gleichgültigkeit, die einer beliebigen Dienstbotin in bessergestellten Kreisen üblicherweise zuteilwurde. Und was sollte Elise bei ihrer Erscheinung schon anderes sein?

Dennoch, mit jedem Meter, den sie auf dem steinernen Pflaster zurücklegte, wurden ihre Schritte ein wenig kleiner, einige Male blieb sie gar unvermittelt stehen und überlegte mit betretener Miene, ob es nicht besser sei, auf der Stelle kehrtzumachen. Ihre Fantasie beschwor allerlei Missgeschicke und Peinlichkeiten herauf, derer sie sich bei ihrem Besuch womöglich schuldig machen würde. Die ehemalige Dienstmagd eines reichen Grundbesitzers verstand zwar durchaus etwas von den Sitten und Gebräuchen des bürgerlichen Standes, diese aber eingedenk ihrer niederen Stellung wahren zu können, ohne einen Eklat oder gar handfesten Skandal auszulösen, erschien ihr von Minute zu Minute unwahrscheinlicher. Das fast schon panische Verlangen, sich in buchstäblich letzter Sekunde noch zur Flucht zu wenden, kostete sie große Überwindung. Innerlich wiederholte sie von neuem die wohlwollenden Worte der Glaserin, um sich ein wenig Mut zu machen. Bald erspähte sie mit pochendem Herzen das verträumte Stadthaus mit seinen winzigen Zinnen und dem Turm in der Ferne.

Und als ginge von dem verträumten Bauwerk eine magische Wirkung aus, verlor Elise, während sie langsam näherkam, wie von Zauberhand nach und nach all ihr Unbehagen. Jedoch zogen nicht etwa mystische Kräfte sie in ihren Bann, denn vielmehr eine unbeschreibliche Idylle, welche das kleine Gärtchen beherbergte, dessen die Bäuerin nun erstmals bei Lichte ansichtig wurde. Im ersten Augenblick meinte sie zu träumen, so wundervoll und prächtig empfand sie das Bild, welches ihr der kleine Fleck Erde bot. Auf einer großen Wiese wuchsen mannigfaltige Kletterpflanzen, welche die Säulen der Terrasse erklommen, und hoch aufragende Bäume, reich gesegnet mit rötlich schimmernden Früchten. Der vor Heimweh schon fast kranken Bäuerin offenbarte sich nun inmitten einer Stadt, aufgeschichtet aus kaltem Stein, eine kleine Oase voll pulsierenden Lebens. Betört von jener unverhofften Schönheit trat sie vorsichtig an das Türchen des hölzernen Zauns und warf einen vorsichtigen Blick hinein.

Noch immer vollauf überwältigt von dieser geheimen Zuflucht, drang unvermittelt die Stimme eines Mannes an ihr Ohr. Elise wandte das Haupt und entdeckte nun im Schutze der Zweige zwei Menschen, dem Anschein nach ein Mann und eine Frau. Ersterer blieb, von seinen Füßen abgesehen, unter dem dichten Blätterdach verborgen, einzig seine munter klingende Stimme erschallte heiter im Rund und nötigte der bislang noch unentdeckten Bäuerin ein spontanes Schmunzeln ab. Neugierig sah sie nun nach der jungen Maid, welche mit einem gut gefüllten Korb voller herrlicher Kirschen am Fuße seiner Leiter stand. Sie trug ein langes Kleid aus dunkelgrünem Garn und eine kunstvoll verzierte Schürze. Ihr Rocksaum flatterte leicht im Wind und tat es ihrem blonden Haar gleich, welches im hellen Sonnenlicht den Eindruck erweckte, es sei aus reiner Seide gesponnen. Das anmutige Gesicht des Fräuleins wirkte glücklich und zufrieden, obwohl sie selbst an jenem paradiesischen Ort ein beinahe unmerklicher Hauch von Melancholie umspielte. In ihren Zügen erkannte Elise das vertraute Antlitz Dias, des Glasermädchens.

Die Bäuerin verspürte den Wunsch, mit erhobener Hand einen freudigen Gruß zu sprechen, allein, die Umstände gemahnten sie zur Zurückhaltung, immerhin mochte es kaum gehörig sein, eine wohlhabende Bürgerstochter derart unverfänglich anzusprechen. Aber noch etwas anderes hielt sie davon ab, sich vorschnell bemerkbar zu machen. Womöglich wollte sie die Hausherrin inmitten der Eintracht ihres kleinen Gartens nicht durch ein unbedacht gesprochenes Wort stören. Denn eigentlich genoss sie es vielmehr, der friedvollen Szene noch einen Augenblick lang unbeobachtet beizuwohnen. Die vom Saft der Kirschen bereits rot gefärbten Finger der Glasergesellin brachten alte, beinahe vergessen geglaubte Erinnerungen zurück. Mit Wehmut dachte sie daran, welch eine Freude es Rowena und Lia stets bereitet hatte, im Sommer bei der Obsternte helfen zu dürfen. Ihr ausgelassenes Gelächter schallte dann weit über das Gut, während sie mit ihren Weidenkörbchen um die zahlreichen Baumstämme tollten und einander an freudigem Eifer spielerisch überboten. Eine Weile ruhte Elises Auge auf Dias würdevoller Gestalt. Ihre hochgewachsene Statur, die hellblauen Augen und vor allen Dingen ihre endlos langen Strähnen, all dies weckte in ihr einen Gedanken, der sie mit stummer Verwunderung erfüllte.

Für den Moment beschloss sie allerdings, ihre Aufmerksamkeit dem Hier und Jetzt zu widmen. So wartete sie geduldig darauf, von einem der beiden fleißigen Gärtner bemerkt zu werden.
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#5

Dia Elisat Diakaj von Tal

Adelstochter
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„Nun, Heinrich der Jüngere musste also diesem Weibsbild nachstellen, obwohl er wusste, dass Sarahs Vater niemals einer Verbindung zustimmen würde. Nun ja, nach einem langen Winter hatte er endlich eingesehen, wie vergebens seine Bemühungen waren. Dass ihm ausgerechnet dann die liebliche Charlotte über den Weg läuft, hätte niemand von uns geahnt. Ihr müsst wissen, Heinrich ist nicht unbedingt der Klügste, aber sein Herz hat er am richtigen Fleck. Ach ja, als er jünger war, hat er zwar nie für Schwierigkeiten gesorgt, aber sein Meister war von Tag zu Tag verstimmter. Inzwischen sehen aber auch seine Gärten wie wahre Meisterstücke aus…“

Dunkel, aber melodisch wehte die Stimme des Gärtners herunter. Dia lächelte immer wieder, meist an den falschen Stellen. Sie mochte die Art, wie der aufrichtige Mann über seine Söhne sprach, urteilte und doch jedes Wort den eigentlichen Stolz auf seine Nachkommen offenbarte. Er schien so viel zu sagen haben, dass sie sich in einem unbedachten Moment fragte, ob seine Frau zuhause das Plappermaul war. Andererseits hatte die Adelige selbst nichts beizusteuern und so war der Redeanteil trotzdem sehr gut aufgeteilt.
Es nur ein Gefühl, das sie sich schließlich umdrehen ließ. Fast so, als gäbe es einen Beobachter dieser ruhigen Szene. Und als Dia schließlich ihr Haupt wandte, blickte sie geradewegs zu der längst verloren geglaubten Begegnung eines nächtlichen Abends. Unverkennbar stand Elise vor ihr. Ihre Augenbinde war natürlich ein unverkennbares Markenzeichen, offenbarte aber beim zweiten Blick sogleich die sanften Züge, an die sich die Adelige trotz der damals spärlichen Beleuchtung einiger Straßenlaternen noch gut erinnern konnte.
Dias Mundwinkel zogen sich ohne ihr bewusstes Zutun hoch und ließen ein freundliches Lächeln erscheinen.
„Entschuldige mich, Heinrich“, erklang ihre Stimme zum ersten Mal und der Gärtner unterbrach eher stockend seinen langen, unbeendeten Bericht über alle Dinge, die sich jemals in seinem Leben ereignet hatten.

Dia drehte sich nun um ihre Achse und näherte sich der ehemaligen Bäuerin mit ein paar beschwingten, aber gleichfalls seltsam holprigen, Schritten. Elise hatte einen Abstand zu den beiden gewählt, der auf keinen Fall aufdringlich wirkte. Erst als die ungläubige Dia, die kaum mehr einen Besuch der so freundlichen Bauerstochter erwartet hatte, näher heran getreten war, wurde ihr die Fallstricke dieser Begegnung wieder bewusst.
Sollte sie knicksen, wie sie es am Tage ihrer Verabschiedung getan hatte? Sollte sie höflich nicken? Sie konnte das erstere nicht tun, nicht solange sie hier auf dem Grund ihrer Villa war und neugierige Blicke sie möglicher Weise im Gespräch mit einer Gemeinen fanden. Letzteres würde aber kaum ihre Hochachtung vor dem Besuch ausdrücken und keinesfalls einer einfachen Gläsergesellin entsprechen.
„Es ist mir eine Freude Euch zu sehen“, brachte sie hervor, während sie nun doch ihr blondes Haupt neigte und alsbald sie weitere Gedanken verfolgten.
Elise, so wurde ihr plötzlich bewusst, war auf grauenvolle Weise in ihr Geheimnis sowohl eingeweiht wie auch gleichermaßen völlig unbewusst der tragischen Ausmaße ihrer Vergangenheit.
Die kluge Frau würde gewiss aus den kleinen Puzzleteilen Schlüsse ziehen können und Fragen finden, die Dia nicht beantworten wollte. So wussten die einen von der schweigsamen Gesellin, die kam und ging und nicht so recht das Erbe ihres Meisters antreten wollte. Die anderen wiederum wussten von der schweigsamen Adelstochter, die wortkarg und zurückgezogen in einer kleinen Villa am Rande des Nordviertels hauste und nur selten bei gesellschaftlichen Anlässen zu finden war.
Elise wusste sowohl um ihre Bleibe Bescheid, wie sie auch um ihr Handwerk wusste. Und Dia glaubte nicht, dass sie ihre Herkunft den gesamten Besuch über verschweigen könnte.
Ein kalter Schauer jagte ihr den Rücken hinunter, als sie an all die möglichen, schrecklichen Ergebnisse dieser Begegnung dachte.
Doch als ihre blauen Augen schließlich auf Elise ruhten, erkannte sie auch in ihren Zügen eine ähnliche Unsicherheit und in einer eigentümlichen Weise gab gerade dieses Zugeständnis ihr Mut.

„Ich dachte, Ihr kämt nicht mehr“, flüsterte Dia schon fast. Es war keine Rüge, nur das bloße Erstaunen doch noch eine so treue Seele empfangen zu können. Ihr Blick fiel für einen Moment auf das zerschlissene Kleid, auf die Flicken und auf die alte Haube, deren weiß auch nicht mehr strahlte wie am ersten Tag. Es war schon viele Jahre her, als Dia mit ähnlicher Aufmachung nach Aron gelangt war. Auch wenn Elise zum Glück nicht direkt den Eindruck einer bettelarmen Person machte.
Die junge Dame zwang ihre Gedanken wieder zurück in die Gegenwart zu kommen. Sonderbarer Weise war ihre Befürchtung keineswegs, dass ihr Name in Verruf geriet, wenn sie Elise willkommen hieß. Nein, sie fürchtete nur, dass die Grenzen ihrer Stände noch deutlicher ins Gewicht fallen würden und schließlich jenes schon längst verlorene Gefühl von Verbundenheit Lügen strafen würde.

Doch diesen düsteren Gedanken zum Trotz freute sich Dia durchaus jene freundliche und herzensgute Gestalt auf der Schwelle des Weges zu ihrer Villa zu wissen. Das Lächeln kehrte auf ihr Gesicht zurück, während ihre beiden Arme noch immer den Korb mit den frischen Früchten hielten.
„Seid mir willkommen“, sprach sie schließlich: „Es ist ein schöner Tag, den Ihr Euch für Euren Besuch ausgewählt habt“
Dia machte eine einladende Bewegung und schritt ein wenig vor: „Falls Euch das Wetter nicht zu warm ist, würde ich vorschlagen, dass wir uns in den Garten setzen. Ansonsten steht der Salon natürlich ebenfalls zur Verfügung.“
Dia fand nicht, dass sie ihren Besuch auf dem Vorplatz stehen lassen dürfte und gleichfalls hatte sie das unbestimmte Gefühl, eine geschütztere und freundlichere Umgebung wählen zu wollen, als den Ort, den die Dienstboten anderer Häuser unweigerlich einsehen konnten.
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#6

Elise Heimbruch

Bäuerin
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Während Elise anstandsvoll jenseits des hölzernen Türchens wartete, kam sie nicht umhin, einige der Worte zu hören, welche Dia und der Mann auf der Leiter wechselten, wobei jene Beschreibung wohl nicht gänzlich den Tatsachen entsprach. Vielmehr ähnelte das Gespräch, dem die Bäuerin aus einiger Entfernung beiwohnte, eher einem munteren Monolog, dem die Glaserin abgesehen von einem gelegentlichen Nicken wenig beizufügen wusste. Die maßvolle Zurückhaltung vonseiten der Hausherrin fügte sich nahtlos in das Bild ein, welches sich auf den nächtlichen Straßen Arons offenbart hatte. Und es gab wenig hieran, das verwunderte. Dia entstammte einem gehobenen Haushalt und wusste, es geziemte sich nicht für eine Tochter guter Herkunft, in das achtlose Geschnatter einfältiger Gemeiner zu verfallen, dem die Leute auf den belebten Straßen der Stadt so gerne frönten. Elise legte kurz ihre Stirn in Falten. Wenn sie es vermeiden wollte, Dia neuerlich mit einer unerwarteten Bemerkung zu verbrämen, wie es erst vor wenigen Tagen geschah, dann sollte sie diesem lobenswerten Beispiel folgen und ihr loses Mundwerk ein wenig zügeln. Als Geladene auf diesem edlen Anwesen, so mahnte sie sich selbst, durfte ihr solch ein Fehler nicht passieren.

Den redseligen Herrn in den Ästen kümmerten derlei Überlegungen anscheinend deutlich weniger, noch immer drang seine frohgemute Erzählung weit über die Grenzen des Grundstücks hinaus. Und was nun Dia betraf, ließ sich ihrerseits zumindest ein stummes Wohlwollen gegenüber der lebhaft vorgetragenen Geschichte kaum leugnen. Warum auch nicht, dachte Elise, die zwar schwerlich den ganzen Zusammenhang verstand, aber anscheinend mit Recht vermutete, es ginge um Liebschaften, Familie und die zuweilen hierzu gehörigen Verwicklungen des täglichen Lebens. Die Bäuerin machte ein schelmisches Gesicht. Wenn sie die Wahrheit zugestand, dann liebte sie jene ungezwungenen Unterhaltungen zu früheren Zeiten ganz besonders. Wenn es um die vielen kleinen Geschichten im Dorfe ging, besonders solche über allerlei missglückte Werbungsversuche und gänzlich unverhoffte Romanzen unter den ledigen Bewohnern, dann gab es stets gleichermaßen etwas zu lachen und zu staunen. Einen Moment lang fühlte sie sich an die stets gern erzählte Anekdote Ilenias über ihr früheres Lehrlingsmädchen erinnert, ein hübsches, doch überaus schüchternes Ding, das die findige Schneiderin durch einige im Wortsinne geschickt eingefädelte Umstände mit ihrem heimlichen Schwarm, dem Sohn des Kürschners, zusammenbrachte. Es handelte sich um ein liebenswertes kleines Märchen vom Lande mit einem guten Ende, das in seinen komischen Momenten zu ausgelassenem Lachen verführte. Heute würde Elise hierüber selbstverständlich schweigen. Trotzdem beruhigte sie Dias offensichtliches Wohlgefallen angesichts einiger unverfänglicher Erinnerungen überaus.

Zu weiteren Feststellungen dieser Art kam die noch immer wie gebannte Bauersfrau nicht mehr, denn letztlich blieb ihre Anwesenheit nicht unbemerkt. Elise, auf diesen ja eigentlich unvermeidlichen Augenblick nicht vorbereitet, blickte unversehens in das Antlitz Dias, die sie soeben am Zaun ihres Gartens entdeckte und erstarrte für einen Moment gleich einer Diebin, ertappt bei ihrer dreisten Tat. Den ganzen Weg über ging ihr durch den Kopf, welche Maßregel sie wohl ob ihres so verspäteten Kommens erwartete. Enttäuschung, Tadel und offen kundgetanes Missfallen, all dies malte sich ihre an Unheil gewohnte Fantasie aus. Und nun? Nichts dergleichen. Vielmehr bemerkte sie bei der Gesellin einen Ausdruck der Freude über die Entdeckung ihres vermissten Gastes. Mit großer Erleichterung stellte die Bäuerin fest, vollkommen unnötigen Befürchtungen erlegen zu sein. Sie atmete tief ein und erwiderte den gütigen Ausdruck Dias gleichsam mit einem Lächeln. Ihr Gemüt, schwankend zwischen aufkeimender Hoffnung und der Furcht, etwas Falsches zu tun, wollte sich dennoch nicht beruhigen.

So blieb Elise noch immer ein wenig atemlos, nachdem sich Dia kurz bei dem unbekannten Helfer empfohlen hatte und nun zu ihr an das Tor trat. Ein kurzes Zögern vonseiten des jungen Fräuleins ließ das Pochen in ihrer Brust noch einmal heftiger werden. Die freundliche Begrüßung und das fast schon vertraute Senken des Hauptes, das der Bürgerlichen ebenso zu eigen war wie das leuchtende Blau ihrer Augen, zerstreuten die letzten Zweifel. Eine Flut an Glücksgefühlen überwältigte Elise. An diesem strahlenden Sommertag, den sie vor finsteren Gedanken bislang kaum zu würdigen wusste, gab es kein kostbareres Geschenk, denn an diesem verzaubernden Ort einem wertvollen Menschen willkommen zu sein. Sie gab sich Mühe, rein äußerlich die Fassung zu wahren, ihre Ergebenheit würde einem aufmerksamen Betrachter gleichwohl nicht verborgen bleiben.

Eine kleine Pause entstand und der die Glaserin so rätselhaft umgebende Nebel aus Schwermut, welcher sich bereits auf den nächtlichen Straßen des Südviertels offenbarte, kam von neuem über sie. Sorge erfüllte Elise, aber noch bevor sie sich imstande sah, nach dem Wohlergehen ihrer lieben Bekannten zu fragen, gestand diese in behutsamen Worten eine ganz und gar erstaunliche Bekümmernis ein. Die Bäuerin vermochte zunächst gar nicht zu sagen, ob sie denn recht begriff. Das Zugeständnis der Glaserin, nicht mehr auf ihre Ankunft gehofft zu haben, klang nicht vorwurfsvoll, es zeugte vielmehr von aufrichtiger Traurigkeit ob ihres Ausbleibens. Wäre es nicht vermessen gewesen, solches anzunehmen, Elise hätte geglaubt, hierin dieselbe Sehnsucht nach vertrauter Zweisamkeit zu erkennen, die ihr selbst des Nachts keine Ruhe gestattete. Konnte ihr Erscheinen in den Augen der noblen Dame wirklich eine solche Herzensangelegenheit sein? Die Wangen der Gemeinen erröteten der bloßen Vorstellung wegen.

Dias höfliches Willkommen und die liebliche Einladung, ihr in die Schatten der prächtigen Kirschbäume zu folgen, schienen gleichsam eben dies zu bekräftigen. Und Elise, das fünftgeborene Kind eines leibeigenen Bauern aus dem Umland Lorgands, erhielt nunmehr die Erlaubnis, jene Schwelle zu dem blühenden Reich einer vornehmen jungen Frau zu überschreiten. In Anbetracht dieses Privilegs erfüllte sie eine schier unbeschreibliche Demut und dementsprechend dauerte es etwas, ehe sie Dias Begrüßung erwidern und sich für ihre Offerte erkenntlich zeigen konnte.

„Habt Dank, Fräulein Dia“, begann sie und verneigte sich ebenfalls. „Wie schön, Euch heute anzutreffen.“

Ein wenig beschämt faltete sie die Hände in ihrem Schoß und sah die Gesellin verständnissuchend an.

„Ich hab mich wohl sehr verspätet. Dafür bitt ich inständig um Verzeihung.“

Einige Sekunden lang zupften Elises Finger unbewusst an dem Stoff ihres Überwurfs. Sie sah kurz zu Boden.

„Ihr wisst ja, ich bin erst seit kurzem in der Stadt. Es gibt so viel, das bedacht werden muss. Und die Arbeit natürlich. Ich fürcht, da ist es mir einfach entfallen. Ich hoff, Ihr seht es mir nach.“

Die Bäuerin schwieg einige Sekunden, um ihr Bedauern zu unterstreichen. Als sie jedoch den Kopf erhob, hellten sich ihre Züge sogleich auf.

„Aber Ihr habt recht. Uns wurd ein gesegneter Tag geschenkt.“

Elises Blick schweifte nochmals gebannt über das lebendige Grün, welches die beiden Frauen umgab, bis er schließlich zurück zu der hehren Maid und ihrem Korb voll leuchtend roter Kirschen fand. Die Lichtstrahlen, welche durch das Blätterdach fielen, das Rauschen des Laubs und der verführerische Duft frisch gepflückter Früchte, noch immer wirkte alles um sie herum wie ein Traum, aus dem sie jederzeit aufzuwachen drohte. Würde er allerdings nur einige Minuten andauern, gäbe es nichts, das sich Elise noch wünschen konnte.

„Die Sonne ist herrlich und es wär ein Vergnügen, Euch im Garten Gesellschaft zu leisten“, bekundete sie heiter und tat einen ersten vorsichtigen Schritt auf die wogende Wiese. Erneut nahm sie die Kulisse einer sommerlichen Fantasie in Arons Mitte gefangen. Selbst die eine oder andere Stelle, welche womöglich noch einer fleißigen Hand bedurfte, bedeutete für die Bauersfrau keinen Makel, betrachtete sie ja alles mit dem Selbstverständnis einer Feldarbeiterin und nicht etwa eines pedantischen Landschaftsgärtners in den Diensten weltfremder Hochgeborener. Immerhin sagte schon ihr Vater stets, es sei die oberste Pflicht eines Bauern, die Kräfte der Natur zu achten, und ihnen Raum zum Gedeihen zu geben. Zentimetergenau gestutzte Hecken dagegen, von denen sich in dieser Gegend so manche fanden, nahm Elise regelmäßig mit Befremden zur Kenntnis. Gerade weil sie hier nichts dergleichen vorfand, fühlte sie sich sofort heimisch. Mit geschlossenem Auge fühlte sich gewiss alles nach dem alten Landgut an, auf dem sie einst lebte, eine verlockende Vorstellung, der sie einzig aus Höflichkeit entsagte. Aus demselben Grund versuchte sie, nicht allzu offensichtlich auf die gesammelten Köstlichkeiten in Dias Händen zu schauen, wenngleich jene Versuchung durchaus etwas Willenskraft erforderte.

Um nicht gänzlich in Verlegenheit zu geraten, wandte sie sich stattdessen gleich darauf zu der Gesellin um. In ihrer Stimme hallte große Ehrfurcht wider.

„Welch einen wundervollen Ort Ihr Euer Eigen nennt. Ich fühl mich zutiefst geehrt, hier sein zu dürfen.“
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#7

Dia Elisat Diakaj von Tal

Adelstochter
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Es erleichterte Dia auf eine sehr ungewöhnliche Weise, dass sie die Unsicherheit auf Seiten von Elise geradezu sehen konnte. Die zurückhaltende Wiedersehensfreude, die beide Frauen ausströmten, gab auch der Bäuerin eine Vielzahl von Gesichtsausdrücken, die auf ihren Gemütszustand schließen ließen. So legte sie einmal die Stirn in Falten, als würde sie sich um diesen Moment sorgen, dann erschien ein lächelnder Funke in den Augen, als würde sie sich gleichfalls auch einfach über die freundliche Einladung freuen und einmal färbten sich auch wie zum Dank ihre Wangen ein wenig.
Wie auch ihre Gastgeberin brauchte auch die Bäuerin ein wenig, bevor sie antworten konnte.
Dia störte jene entstehende Stille keineswegs. Ihr eigenes Gebaren würde vielleicht anderorts Aufsehen erregen, hier war Zeit oder Geduld nichts, dass nicht in üppiger Weise vorhanden wäre.

Schweigend, aber mit beständiger, wohlwollender Miene, lauschte sie der Entschuldigung Elises. Die Erklärungen kamen ihr zwar nicht vom Inhalt, wohl aber wie sie vorgetragen wurden, seltsam vertraut vor. Auch sie sprach Entschuldigungen nicht etwa mit der herrschaftlichen Meinung aus, dass sie eine reine Formsache waren und die Annahme oder Ablehnung einer so vorgebrachten Offenbarung der (möglicherweise) wirklichen Begebenheiten sie kaltlassen würde. Nein, wenn sie schon ihre Worte bemühte, so erhoffte auch sie sich meist eine milde Reaktion des anderen.

„Sofern ich mich erinnere“, sagte sie gnädig: „war meine Einladung recht allgemeiner Natur. Umso glücklicher der Umstand, dass Ihr mich hier angetroffen habt.“
In der letzten Zeit war ihre Anwesenheit in ihren eigenen vier Wänden ein eher seltener Fund. Stattdessen verbrachte sie ihre Zeit an dem heißen Ofen in der Werkstatt und wurde nach und nach in den Tratsch des Ostviertels eingeweiht, während ihr völlig unbekannte Menschen behaupteten, Stammkunden von Leon Marwerda gewesen zu sein, und auch bei ihr ihre notwendigen Dinge anfertigen lassen wollten. Dia hatte dennoch immer wieder den Verdacht, dass entweder etwas mit dem Meister in der Stadt nicht stimmte, oder der Elf eine sehr sonderbare Art und Weise pflegte, Kunden zu gewinnen, die sie auch während ihrer Ausbildung nicht gänzlich durchschaut hatte.

Vorsonnen lächelte Dia bei dem Kommentar über das freundliche Wetter. Ihr Gesicht wandte sich für einen Moment von dem lieben Besuch ab und blickte geradewegs zu der wärmespendenen Sonne. Die bleiche Haut sehnte sich immer wieder nach den wenigen Momenten, die sie an der frischen Luft ohne Sonnenschirm und Baldachin verbringen konnte.
Aber wenn sie irgendwann zu einer Gesellschaft oder gar einem Ball mit schwieligen Händen und geröteter Haut treten würde, so wäre die Offenbarung ihrer düsteren Geheimnisse nicht mehr weit entfernt – und ansonsten würde ihrem Namen natürlich so einiges an Gerede nachfolgen.
Schließlich wandte sich sich wieder ab und lächelte ein wenig breiter: „Es freut mich, dass er Euch auch in diesem unvollendeten Zustand gefällt“
Sie führte den Besuch auf einem breiten, inzwischen wieder gepflegten, Steinweg entlang, der an der Villa vorbei führte. Hinter dem verspielten Gebäude zeigte sich der Garten mit seinen vielen Pflanzen und Sträuchern von seiner wirklich wilden Seite.
„Es sind noch nicht viele Wochen vergangen, seitdem ich hier angekommen bin“, erinnerte Dia Elise leise: „Und so sind alle Arbeiten an meinem Heim und dem Geländer eher rudimentärer Natur.“
Sie wünschte sich einen Teich in ihren Garten – und auch, dass die üppigen Bäume weiterhin so formlos bestehen blieben. Es gefiel ihr, so viel prächtiges Grün zu sehen, dass es ihr fast die Illusion gab, dass hinter den nahen Zäunen ihres Grundstücks die weite eines ungefährlichen und gezähmten Waldes liegen würde.

Anstatt dem Weg zu folgen und mit dem Besuch direkt zur kleinen Terrasse zu gehen, die auf einer größeren Wiese voller bunter und lieblicher Blumen stand, führte sie Elise zu der Hintertüre der Villa. Auch hier hatte der Zahn der Zeit angesetzt und so manche Farbe blätterte und so manches Holz schien morsch geworden zu sein. Dennoch behielt der Ort seinen märchenhaften Charme.
„Ich meine mich zu erinnern, Euch zu einem guten Tee eingeladen zu haben“, setzte Dia an: „Doch was haltet Ihr von einem kühlen Glas frischen Kirschsaft?“
Sie waren kaum mehr hundert Schritt von dem Haus entfernt, da stürmte eine etwas fülligere Zofe hervor, die ganz eindeutig so aussah, als wollte sie schimpfen.
Dia schrak ein wenig zurück. Dass ihre eigene Dienerschaft dem freudigen Besuch eine ganz schnelle, unglückliche Wendung geben konnte, war ihr überhaupt nicht bewusst gewesen.
Und gerade Melissa hatte den Mund eines Rohrspatzes und konnte sich beklagen, wie Dia es kaum von jemand anderem kannte. Als die gute Frau die beiden Ankömmlinge sah, verringerte sie jedoch ihren Schritt und versuchte ihre Miene zu beherrschen, was ihr aber eher einen abfälligen Ausdruck gab. Kurz musterte sie Elise kritisch und ihr rundliches Gesicht verzog sich zu einem abschätzigen Ausdruck, als sie ausgerechnet an der Augenbinde hängen blieb.
Als wäre ein körperliches Versehen Bestrafung für einen schändlichen Charakter.
Dia hielt es nicht aus, dass in ihrer Gegenwart eine so gute Frau so degradiert wurde – und wenn es auch nur durch Blicke und Andeutungen geschah, sie wusste durchaus, dass es viel schlimmere Dinge mit sich ziehen könnte.
„Ah, Melissa“, sagte sie und bemühte sich ihre Zunge schneller reagieren zu lassen, als sie es in den letzten Jahren getan hatte: „Du kommst gerade recht.“ Sie hielt ihr den Weidenkorb voll des herrlichen Gut hin: „Wir hätten sehr gerne Kirschsaft“
Wieder verzog sich das Gesicht der Zofe. Sie maßregelte Dia ja sogar, wenn diese nicht herrschaftlich genug auftrat. Aber das fiel der jungen Komtesse sogar noch schwieriger, als der Frau das Wort und auch die Tat abzuschneiden und ihr den Korb hinzuhalten.
Melissa überbrückte die Distanz, nahm den Korb an sich und warf den beiden einen finsteren Blick zu: „Wie Ihr wünscht“, sagte sie aber noch und streckte ihren Rücken, um dann wieder hinein zu gehen.

Dia atmete erleichtert aus und lächelte blass ihren Besuch an: „Bitte verzeiht ihr Verhalten“, bat sie leise: „Melissa hielt Euch möglicherweise für eine Bewerberin auf die Stelle der Küchenmagd.“
Es war ihr ein wenig peinlich, dass sie ihren Gast mit etwas so niederem verglich – auch wenn es wahrscheinlich dem Stand der Bäuerin sehr nahe kam: „Außerdem ist sie in den letzten Tagen generell nicht besonders zufrieden mit mir“, gestand sie leise und lächelte knapp: „Und dennoch ist sie eine treue Seele.“
Die warme Sonne schien alle düsteren Gedanken vertreiben zu wollen und so führte Dia nun doch Elise zu der kleinen Terrasse, die sich zu der Mittagszeit in dem Schatten einer üppigen Linde befand. Ein rundlicher, verspielter Messingtisch und vier einfache, gepolsterte Stühle luden zu einem freundlichen Beisammensein ein.
Die Statuen, die die Ecken der Terrasse einst geziert hatten, waren abhanden gekommen. Nun standen dort leere, vermooste Sockel, bei denen Dia Heinrich verboten hatte, es von dem „Unkraut“ zu befreien. Ihr gefiel der Anblick so sehr gut, auch wenn sie kaum beschreiben konnte, was ausgerechnet an der Kombination der einzelnen Teile ihr das Gefühl eines Kunstwerkes gab.
„Bitte setzt Euch doch“, bat sie und zeigte auf einen der vielen Sitze. Sie selbst war froh, sich niederzulassen und sich eine Ruhepause zu gönnen.
Für einen Moment schwieg die junge Adelstochter in dem aufrechten Bestreben, ein geeignetes Thema zu finden, dass weder ihr noch ihrem Gast unangemessen oder zu persönlich vorkommen würde. Aber ein zweites Mal am Tag über die Schließung des Gründerparks zu sprechen, kam auch nicht in Frage.
„Ich hoffe, Ihr hattet einen angenehmen Weg hierher“, sagte Dia freundlich: „Die Feste der Paladine scheint mir nicht allzuweit entfernt zu sein...“ Sie stockte kurz: „Falls Ihr dort noch lebt, versteht sich.“
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#8

Elise Heimbruch

Bäuerin
Mensch
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Welch eine Erleichterung überkam Elise angesichts der Milde, die Dia ob ihrer verspäteten Ankunft walten ließ. Immerhin fand sie es entgegen der Schilderung des Glasermädchens durchaus nicht selbstverständlich, die Annahme einer großzügigen Einladung gänzlich in das Ermessen des künftigen Gastes zu stellen. Noch dazu, wenn es sich bei besagter Geladener um eine einfache Bäuerin handelte. Die Gemeine empfand hierüber eine große Dankbarkeit, wusste sie doch von Vertretern des gehobenen Bürgertums, die im Gegensatz hierzu keinerlei Güte kannten. Etwa der Grundbesitzer, für den sie zuletzt arbeiten musste, hätte wohl niemals jemanden niederen Ranges in der Nähe seines Landsitzes geduldet. Und Elise widerfuhr jene zweifelhafte Ehre nur, weil sie zu dieser Zeit keine andere Wahl besaß, denn für ein paar Münzen seine schmutzigen Bodendielen zu schrubben. Diese Tage lagen glücklicherweise in weiter Ferne und Dia machte alles vergessen, bewies auf eindrucksvolle Weise die echte Edelmut einer Angehörigen ihres Standes. Fürwahr, pflichtete ihr die Bauerstochter in Gedanken bei. Ein Segen, sie angetroffen zu haben, des Nachts auf den Straßen und heute in diesem prächtigen Garten.

Elise betrachtete das junge Fräulein dabei, wie sie sich im Lichte der Sonne drehte, und dann mit freudigem Antlitz gen Himmel blickte. Von neuem stahl sich ein eigenartiger Gedanke in ihre Vorstellung. Die zartblasse Haut der Gesellin, ihr wallendes Haar, golden gleich dem Weizen in den Feldern, gewahrten sie einer Zukunft, welche dereinst in hell erleuchteter Nacht beinahe den mordenden Klauen einer abscheulichen Bestie zum Opfer gefallen wäre. Nun, in der vollkommenen Schönheit Dias, nahm jene Hoffnung, zuvor kaum mehr als ein schleierhafter Traum, auf wundersame Weise Gestalt an, und beraubte Elise einen Wimpernschlag lang ihrer Selbstbeherrschung. Eine Weile rätselte sie schweigend, ob nun Frohsinn oder Schwermut von ihr Besitz ergriff. Erst die sanftmütige Stimme der Glaserin holte sie unvermittelt zurück in die Gegenwart. Rasch gemahnte sich Elise, aufmerksam zu bleiben, und erwiderte das Lächeln ihrer vornehmen Gastgeberin in gleicher Weise. Dennoch wollte jene Empfindung nicht gänzlich von ihr weichen, während sie der Bürgerlichen nun langsamen Schrittes über den liebevoll gepflasterten Pfad folgte.

Dias wiederholte Hinweise auf die noch zu verrichtende Arbeit, derer die Anlage so wenige Wochen nach ihrer Ankunft dringend bedurfte, hörten sich zurückhaltend, beinahe schon entschuldigend an. Elise beäugte verwundert die Umgebung, entdeckte dabei jedoch nichts, das ihr in irgendeiner Weise unangenehm auffiel. Ganz im Gegenteil verzauberte sie die ungestüme Verspieltheit, welche sich ihr im Schatten des Hauses offenbarte, von der ersten Sekunde an. Ein bunter Reigen aus Blüten in allen Farben des Regenbogens bevölkerte ein wogendes Meer aus rauschendem Laub, hochgewachsene Sträucher grenzten den Ort ein, boten Schutz und Geborgenheit, ohne das Licht dieses hellen Nachmittages gänzlich auszusperren. Dieser geheimnisvolle Ort mochte selbst den verwunschenen Königreichen all der Feen und Fabelwesen aus den Bauernmärchen, die auch Elise ihren Töchtern früher gern erzählte, alle Ehre machen. Die traumhafte Kulisse verbot es geradezu, das Jäten von Unkraut oder andere profane Tätigkeiten in Erwägung zu ziehen.

Selbst die oberflächlichen Schäden, welche Wind und Wetter auf dem bemalten Holz der Villa hinterlassen hatten, verwunderten die Gemeine nicht, obgleich dies recht offensichtlich nicht zu der Behausung einer Dame der höheren Kreise passen wollte. Zudem erinnerte sich Elise noch sehr gut an den alten Gelehrten, der früher unweit ihres Heimatdorfes in einem kleinen Turm am Rande des Waldes seinen Studien nachging. Dieser Mann etwa, dem ihre Familie manche gute Tat verdankte, entstammte zweifellos der feineren Gesellschaft, was ihn freilich nicht daran hinderte, das Dasein im atmenden Herzen der Natur einem Lehrstuhl an den städtischen Akademien vorzuziehen. Eingedenk dessen rechtfertigte nichts einen Zweifel an der Standesgemäßheit von Dias Behausung. Und schließlich gab es nach Elises Erfahrung keinen Makel, den fleißige Hände nicht zu beseitigen wussten.

Der spontane Einfall seitens der Gesellin, das freundliche Wetter auszunutzen, und anstelle des angedachten Tees ganz einfach frischen Kirschsaft aufzutragen, überraschte die Bäuerin zunächst ein wenig, sprach ihr aber in Anbetracht des prall gefüllten Korbes aus dem Herzen. Insbesondere weil es Elise kaum wagen durfte, von sich aus um eine Kostprobe der schmackhaften Früchte zu bitten, nahm sie dieses Angebot gerne an, und nickte vergnügt. Nach ihrer Einschätzung musste es bestimmt Jahre her sein, seit sich ihr zum letzten Male die Gelegenheit erbot, eine solch erquickende Köstlichkeit zu genießen. In der Tat fiel es nunmehr umso schwerer, die aufkeimende Vorfreude ob dieses unerwarteten Vergnügens zu zügeln.

Doch gerade, da nichts mehr die Unbeschwertheit des Moments trüben wollte, lenkte etwas die Aufmerksamkeit der Bürgerlichen auf sich. Elise drehte sich verwundert zur Seite und entdeckte im Rahmen der plötzlich weit aufgeschlagenen Hintertür des Anwesens die Gestalt einer recht fülligen Frau, die mit weiten Schritten auf die beiden zugeeilt kam. Ihre Haltung verhieß Unheil und die Bäuerin zuckte beim Anblick der offenbar recht aufgebrachten Fremden unbewusst ein wenig zusammen. Diese blieb abrupt stehen und ihre Miene versteinerte sich. Die Gemeine schauderte es. Sie spürte die Kälte des forschenden Augenpaares auf ihrem Leib, das sie unerbittlich von oben bis unten musterte. Jene kritische Begutachtung, die Elise schmerzlich bekannt vorkam, endete mit der zu erwartenden Offenbarung ihrer Entstellung, und offen zur Schau getragener Abscheu vonseiten ihres Gegenübers. Sie kannte jenen angewiderten Ausdruck weitaus zu gut, um ihn jemals vergessen zu können. All die Scham und Scheu aufgrund der früher erlittenen Demütigungen hielten unweigerlich in ihrem Gedächtnis Einzug und versetzten ihrer Magengegend einen von Geisterhand geführten Schlag mit dem Knüppel. Verzweifelt schlangen sich die Arme der Bäuerin um ihre Hüften.

Hilfesuchend wandte sich Elise zu Dia um, fand diese allerdings gleichfalls starr vor Schreck an ihrer Seite vor. Die Erkenntnis traf sie inmitten des allgemeinen Schweigens. Bei dem verärgerten Weib musste es sich wohl um eine Art Anstandsdame handeln, fraglos von ihren Eltern oder auch dem älteren Bruder mit der Aufgabe betraut, sie von schadhaftem Einfluss und unangemessenem Umgang fernzuhalten. Elise spürte die Schuldgefühle, welche ihre Seele in Besitz nahmen. Brachte sie durch die unbedachte Zusage ihres Besuchs eine großherzige Bürgerstochter entgegen aller guten Vorsätze in heillose Erklärungsnot? Elise verwünschte sich für ihre Leichtfüßigkeit. Glaubte sie denn wirklich, es sei schicklich, sich an der Seite einer Dame aus gutem Hause zu zeigen? Was für ein unverzeihlicher Irrtum. Dia würde dieses Versäumnisses wegen bestimmt eine fürchterliche Schelte zu erdulden haben, wenn nicht gar noch Schlimmeres. Was hatte sie nur angerichtet?

Die Bäuerin stand bereits einen Atemzug davor, sich kleinlaut für ihre Anwesenheit zu entschuldigen, und auf der Stelle kehrtzumachen. Noch bevor sie sich imstande sah, ein einzelnes Wort zu sprechen, kam ihr die Gesellin mit neu gewonnenem Mut zuvor. Gebannt lauschte Elise dem kurzen Dialog zwischen der Bürgerlichen und ihrer Aufpasserin. Kurioserweise brachte eine höflich vorgetragene Bitte um den gewünschten Kirschsaft letztere erstaunlich schnell zur Räson. Die Krönung markierte hierbei Dias Korb, welchen sie der Vergrämten ganz selbstverständlich in die Hände drückte. Die Frau nahm diesen zwar mit einem Gesicht entgegen, das eher vermuten ließ, sie habe soeben von einem sauren Apfel gekostet, verkniff sich dann aber jedes Murren, und tat, wie ihr geheißen. Schon im nächsten Moment drehte sie sich um und verschwand in der Villa.

Reglos, als habe sie zwischenzeitlich im Boden Wurzeln geschlagen, empfing die verdutzte Elise eine blasse, aber sichtlich gelöstere Dia. Diese bat für das Verhalten der Unbekannten um Verzeihung und mühte sich redlich, den unangenehmen Vorfall aufzuklären. Und es klang in den Ohren der Bäuerin durchaus einleuchtend. Natürlich, ein reines Missverständnis, das noch dazu bei ihrer schlichten Kluft sehr nahelag, zumal sie ja derzeit tatsächlich den Tätigkeiten einer Magd nachging. Trotzdem blieben einige Dinge rätselhaft. Was Dia vortrug, bestätigte Elises Vermutung bezüglich der Stellung, welche die verdrießliche Dame in ihrem Hausstand einnahm, andererseits gehörte das Zubereiten und Servieren von Getränken kaum zum Aufgabenbereich eines sittlichen Beistands.

Die Bauersfrau entschied, nicht weiter darüber nachzusinnen. Vielmehr schätzte sie sich glücklich, einem drohenden Eklat um Haaresbreite entronnen zu sein. Langsam löste sie die Umklammerung ihrer Arme und faltete beide Hände vor der Schürze. Auf Dias beschwichtigende Worte hin neigte sie kurz zustimmend das Haupt, denn natürlich lag nicht die geringste Schuld bei ihr. Und im Stillen dankte sie es der liebenswerten Glaserin aus tiefstem Herzen, ihr jene missliche Situation nachzusehen, die sie unfreiwillig ausgelöst hatte.

Mit einer aufmunternden Geste wies ihr Dia einen Platz am kupfernen Tisch auf der Terrasse, umgeben von der geheimnisvollen Kulisse dieses kleinen Hains. Noch immer ein wenig aufgewühlt kam Elise der freundlichen Bitte nach. Ein angenehmer Schauer ging durch ihren Körper und sie genoss die Wohltat, welche dieser ungewohnte Luxus ihrem Rücken nach einem arbeitsamen Vormittag gewährte. Beinahe erlag Elise der Verlockung, einfach ihr gesundes Auge zu schließen, und dem Rascheln der Blätter zu lauschen. Dafür bemerkte sie einige steinerne Blöcke, die sich in der Nähe aus den Halmen erhoben, und beinahe vollkommen mit Moos überwuchert waren. Obgleich sie für sich genommen kaum eine Zierde für ihre Umgebung darstellten, verlieh ihnen das grüne Kleid eine fast schon magische Aura, die gemeinsam mit der wärmenden Sonne bald die letzten Zweifel fortnahm.

Elise hätte sich wohl vor Verzückung in der malerischen Umgebung verloren, wäre nicht kurz darauf Dias Wort an ihr Ohr gedrungen. Ihrer kurzzeitigen Unaufmerksamkeit wegen peinlich berührt, beeilte sie sich, den freundlichen Einwurf des Glasermädchens zu beantworten.

„Aber ja, so ist es“, bestätigte sie eifrig nickend. „Durch die Güte des hohen Herrn Präceptors ist es mir weiterhin gestattet. Ich könnt nicht dankbarer sein.“

Elise schwieg kurz. Dias bereits zutage getretenes Interesse an ihrem zweifellos recht ungewöhnlichen Aufenthalt unter dem Dach der Paladine hatte sie zugegebenermaßen bis zu diesem Zeitpunkt beinahe vollkommen vergessen. Die Bäuerin selbst tat sich mit ihren gegenwärtigen Umständen noch immer ein wenig schwer. Sie wusste, ihre geringfügigen Dienste rechtfertigten kaum die Zuwendungen, welche sie in Anspruch nahm, und was ihre Zukunft betraf, lag noch vieles im Ungewissen. Tristan sah in ihr mehr denn nur eine bloße Dienstbotin, hieran bestand nicht länger ein Zweifel. Die Frage, ob seine Fürsprache allein sie befähigte, diese große Bürde anzunehmen, lastete ungeachtet dessen weiterhin schwer auf ihrem Gemüt.

Nachdem Dia ihr bereits in jener Nacht auf den Straßen Arons ihr Vertrauen schenkte, wünschte sich Elise nicht, ihr selbiges zu verweigern, und ein Rätsel aus den Geschehnissen jenseits der Mauern des Ordens zu machen. Da es gleichwohl nur wenig gab, das sie bezüglich ihrer baldigen Rolle unter den schützenden Schwingen des roten Greifen guten Gewissens als spruchreif bezeichnen durfte, beschloss die Bäuerin, jede Silbe mit großer Bedacht zu sprechen, vor allem, was ihre mögliche Berufung zur Priesternovizin anging. Die Furcht, Ehrungen in Anspruch zu nehmen, derer sie sich womöglich niemals würdig erwies, beschwor sie geradezu, sich in Demut zu üben. Entsprechend leise sprach sie aus, was sie zu offenbaren für rechtens erachtete.

„Er hat noch nicht endgültig über meine künftigen Pflichten im Kloster entschieden. Bis zu seinem Urteil leiste ich, was meine bescheidenen Hände aufbieten können, wenn es auch nicht viel ist.“

Für einen Augenblick senkte sie den Blick und zupfte verlegen an ihrer Schürze, schaute dann aber rasch auf.

„Jedenfalls werd ich gut versorgt und es fehlt mir an nichts, Kusor sei’s gedankt“, bekräftigte die Bäuerin und klang dabei gleich ein wenig selbstbewusster. Bei dieser Gelegenheit warf sie einen kurzen Blick über die Schulter der Gesellin in Richtung des Weges, den sie zuvor beschritt.  

„Und Ihr habt recht, die Feste des Ordens liegt wirklich ganz in der Nähe. Fast würd ich meinen, das macht uns zu Nachbarinnen, ist’s nicht so?“

Ganz unwillkürlich entfuhr ihr ein schelmisches Kichern, das sie noch in derselben Sekunde verwünschte. Beschämt bedeckte Elise ihre Lippen mit der rechten Hand und räusperte sich kurz.

„Doch sagt, Fräulein Dia“, wechselte sie rasch das Thema. „Wie erging es Euch seit unserem letzten Treffen? Ich hoff inständig, Ihr hattet ebenfalls eine erbauliche Zeit.“

Erwartungsvoll beugte sich die Bauersfrau etwas vor.
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#9

Dia Elisat Diakaj von Tal

Adelstochter
Mensch
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Es hatte schon eine beruhigende Wirkung unter dem schönen Lindenbaum zu sitzen und zu fühlen, wie das Sonnenlicht im Tanz der Blätter über die Haut, über den Tisch und über das Gras wanderte. Das sanfte Säuseln des versöhnlichen Windes wollte noch die letzten Reste vergangenen Trübsinns beseitigen. Soweit Dia sagen konnte, hatte Elise die unglückliche Begegnung mit Melissa gut überstanden. Jedenfalls konnten sich beide Frauen hier in diesem Idyll der Ruhe eines geschützten Raumes hingeben.
Die Komtesse schätzte dabei sehr, dass auch ihre neue Bekannte Besonnenheit eindrücklich schätzte.
So konnten sie beide den Ort genießen, während ihr Gespräch langsam und zögerlich stattfand. Hier wurde jedes Wort mit Bedacht gewählt, jeder Satz vorher geprüft – nicht, weil es so gefährlich wäre, offen und frei zu reden. Nein, Dia fühlte eine seltsame Verbundenheit mit der einfachen Bauerntochter, die vielleicht aus dem Verständnis einer einst erlittenen Leidenszeit entstammte und sich auch auf ihren Gegenüber übertragen ließe.
Und doch war es Dia durch ihr Gebrechen zu eigen, jedes Wort auf eine kostbare Wage zu legen, bevor sie es sprach, und ähnliches schien auch Elise zu tun, ob sie nun durch eine äußere Kraft dazu gezwungen wurde oder nicht.

„Es freut mich, Euch so gut versorgt zu wissen“, entgegnete Dia leise, nachdem sie sowohl die Pausen abgewartet hatte, als auch vor ihrem inneren Auge ein Bild der Gegebenheiten dargestellt hatte. Zwar zeugte Elises lange Pause davon, dass noch mehr Teile zu ihrer Antwort gehörten, als sie genannt hatte. Irgendetwas gab es, das sie nicht nennen wollte – aber es schien auch keine besonders bedrückende Gedanken zu sein, denn sie legte nicht die Stirn in sorgenvolle Falten, wie sie es manchmal tat, wenn sich auch ihre Tonlage verdunkelte und ein Schatten über ihr Gesicht huschte, ähnlich wie in dem Moment, wo sie zugestanden hatte, wie sehr sie ihre Kinder vermisste.

„Sollte der Präceptor keine große Verwendung für Eure Arbeitskraft haben“, scherzte Dia verhalten, während sie die zurückhaltenden Worte der Bäuerin gänzlich falsch interpretierte: „So fände sich hier im Garten oder drinnen in der Küche gewiss genug zu tun.“ Ihre eigenen, egoistischen Gedanken machten den Spaß natürlich ein klein wenig ernster, als er eigentlich gewesen wäre.
All die wenigen Diener hatte sich Dia auf Grund ihrer Charaktere ausgesucht – auch Melissa, die zwar eine starke Persönlichkeit ihr eigen nannte und ganz schön herrisch anmuten konnte, deren Ehrlichkeit und Direktheit aber für ihre Herrin aus wohlerzogenem Hause eine wahre Bereicherung darstellte. Wo sonst sollte sie die Dinge hören, die sich alle anderen dachten? Noch dazu aus dem Munde jemanden, von dessen Wohlwollen Dia trotz allem überzeugt war.
Dazu war natürlich die Vorstellung, auch Elise im Haus zu haben ganz wundervoll. Ein vertrautes Gesicht ganz in der Nähe zu wissen, war wirklich wundervoll – noch dazu, dass Dia an allen anderen Bewerbern immer etwas auszusetzen hatte; und war es auch, dass sie sich meistens nicht mit den Fremden wohlfühlte und nicht an deren Verschwiegenheit und Verständnis glaubte.

Als Elise meinte, dass die Nähe der beiden Örtlichkeiten sie schon fast zu Nachbarinnen machen würde, stahl sich auch auf Dias Gesicht ein freundliches Lächeln. Ihr entging nicht, wie beide sich trotz der Gemütlichkeit des Platzes durch das Gespräch balancierten und dabei versuchten, möglichst wenig Unheil anzurichten.
Als demnach die Bauerstochter unvermittelt das Thema wechselte, ging die Komtesse darauf ein, auch wenn die offene Frage und die Vertraulichkeit sie schon fast einlud, mehr zu erzählen, als sie wollte.

„Nun, ich muss gestehen, die letzten Tage sind sehr ereignisreich verlaufen.“ Auf ihrem Gesicht zeichnete sich ein kurzes Lächeln ab, als sie wieder daran dachte, wie sie ihrem goldenen Käfig für die wenigen Momente entflohen war. Aber gleichfalls wusste die Adelige auch, dass sie mit Dingen spielte, deren Ausmaß sie nicht kannte und vor denen sie sich eigentlich hüten sollte: „Wenn Ihr Euch recht entsinnen könnt, so nahmt Ihr mir das Versprechen ab, herauszufinden, ob mein Meister mir seinen Willen hinterlegt hatte“. Dia lächelte ihren Worten zum Trotz. Diese Erinnerungen waren zwar noch lange nicht verarbeitet und kategorisiert, aber trotz der geballten Gefühle gehörten sie wohl eher zu den glücklicheren: „In der Amtsstube wurde ich fündig und fand heraus.. nun...“
Sie senkte den Blick und fühlte sich plötzlich wieder unbehaglich. Sie konnte nur eines vom beiden sein. Die Gläsergesellin oder die Adelige. Und noch war sie für die Bäuerin das Erstere. Sie musste dafür sorgen, dass es auch dabei blieb: „...er glaubte tatsächlich, dass er all die Schätze seiner harten Arbeit meinen Händen überlassen könnte...“
Dia begegnete Elises Blick: „Ihr könnt Euch bestimmt vorstellen, welche Ehre, aber auch Bürde es für mich bedeutet, von einem so vortrefflichen Meister auserwählt zu werden, der seine lange Lebenszeit mit der Vollendung der Glaserei vollbracht hatte. Meister Mawerda selbst wolle die nächsten Jahrzehnte nutzen und seine Familie besuchen...“
Ein Ausdruck tieferer Verzweiflung huschte kurz über Dias freundliches Gemüt, dann beschloss sie, wenigstens das Samenkorn ihren inneren Konflikts preiszugeben „Ich muss ehrlich gestehen, dass dies mich in eine Zwickmühle bringt. Wie Ihr Euch denken könnt, wäre es durchaus achtlos ein solches Geschenk und eine solche Ehre einfach auszuschlagen – gleichwohl würden meine Brüder es bestimmt nicht wohlwollende auffassen, hörten sie davon, dass ihre Schwester selbst zu den Werkzeugen greifen würde. Vermutlich würden sie glauben, ihr Unterhalt würde mir nicht reichen oder ich würde mir nichts aus der Ehre der Familie machen...“
Die junge Dame brach ab und versuchte die trüben Gedanken zu verscheuchen: „Ich habe trotzdem ein paar kleinere Gegenstände hergestellt, die meine lieben Nachbarn noch unbedingt gebraucht hatten. Doch ob ich den Laden offiziell wieder eröffnen werde, weiß ich noch nicht.“
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#10

Elise Heimbruch

Bäuerin
Mensch
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Wie schon zuvor nahm Dia auch diesmal in ihrem Großmut keinerlei Anstoß an der womöglich leicht albernen Bemerkung, zu der sich Elise hinsichtlich ihrer derzeitigen Wohnverhältnisse hinreißen ließ. Sie antwortete nicht gleich auf die Frage, mit der die Bäuerin ihr schelmisches Gebaren überspielte, sondern nahm sich die Zeit, jedes einzelne Wort sorgfältig zu bedenken. Dann erlaubte sie sich überraschenderweise selbst eine augenzwinkernde Bemerkung, wenngleich nur eine leise Ironie in ihrer Stimme zu hören war. Die Gemeine erwog beinahe, ihr Angebot ernsthaft in Betracht zu ziehen. Ihr gefiel die Vorstellung, in diesem wundervollen Garten arbeiten zu dürfen. Die Aufgaben in der Küche scheute sie ebenso wenig, immerhin bestand hierin seit jungen Jahren ein wichtiger Teil ihrer Pflichten. Womöglich würden ihre Fertigkeiten als Köchin gar an die hohen Ansprüche des bürgerlichen Haushalts heranreichen, immerhin besaß Elise in dieser Hinsicht die Erfahrung zweier Jahrzehnte. Und Dia wäre gewiss eine gütige Herrin. Im Grunde, dachte Elise, klang dies nach einem schönen Traum. Angesichts der Erlebnisse, die sie vor kurzem nach Aron brachten, verblasste dieser freilich allzu schnell. Die Bäuerin tat sich schwer, den drohenden Schatten abzuschütteln, der von neuem über sie kam.

Stattdessen lauschte Elise aufmerksam den Erzählungen aus Dias jüngerer Vergangenheit. Bereits das vielsagende Lächeln auf den Lippen des Glasermädchens verhieß eine ereignisreiche Zeit und die Bauersfrau hob in freudiger Erwartung das Haupt, nur um kurz darauf vor Scham ein wenig zu erröten. Sie erinnerte sich noch zu gut an ihre höchst anmaßende Bemerkung bezüglich einer möglichen Nachfolge der Gesellin im Geschäft des Meisters auf den nächtlichen Straßen des südlichen Viertels vor einiger Zeit. Dementsprechend überraschte es Elise, von Dias beharrlicher Spurensuche zu hören, schließlich begegnete sie dem zumindest etwas vorschnellen Einfall der Gemeinen zu dieser Zeit noch mit unverkennbarer Skepsis. Die Bäuerin musste dem Drang widerstehen, die Gesellin einfach zu unterbrechen, um sich sofort für ihr unmögliches Benehmen an jenem Abend zu entschuldigen. Schlechten Gewissens senkte sie wieder den Kopf, hielt aber dennoch den Augenkontakt zu ihrer Gastgeberin aufrecht, während diese von den Erkenntnissen ihrer Nachforschungen berichtete.

Zu Elises wiederholtem Erstaunen erwiesen sich ihre damaligen Vermutungen tatsächlich als wahr. Der elfische Glasermeister Leon Mawerda, nach allem, das sie von Dia hörte, zweifelsohne einer der geschicktesten Handwerker, die seine Zunft je hervorbrachte, berief nach einem Leben im Dienste dieser beispiellosen Kunst wahrhaft seine einstige Schülerin dazu, in seine Fußstapfen zu treten. Hierbei handelte es sich nun wirklich um eine Neuigkeit, die es in den Augen der Bäuerin verdiente, mit Jubel und Triumph verkündet zu werden. Beinahe wollte sie selbst in einem Anflug plötzlicher Begeisterung ihre Freude ob des Glücks der Bürgerstochter zum Ausdruck bringen, emsig in die Hände klatschen und sie zu dieser besonderen Ehre beglückwünschen. Der verhaltene Ausdruck und die vorsichtigen Umschreibungen des Glasermädchens brachten sie von diesem Vorhaben allerdings gleich ab und mahnten sie zur Beherrschung.

Denn obwohl Dia den Gedanken, ihres Meisters Laden in dessen Namen weiterzuführen, nicht mehr vollkommen ablehnte, zeugten jede einzelne Silbe aus ihrem Mund und selbst die kleinste Bewegung ihres Körpers von den unüberwindbaren Zweifeln, die sie davon abhielten, diesen bedeutenden Schritt zu wagen. Elise erkannte in aller Deutlichkeit, wie sehr Dia mit sich rang. Nicht etwa, weil sie das Vertrauen ihres Lehrers geringschätzte, nein, vielmehr erachtete sie sich seines großen Geschenks unwürdig, glaubte offenbar nicht daran, dem von ihm hinterlassenen Werke gewachsen zu sein. Die Bäuerin verstand die nagende Ungewissheit der Gesellin sehr gut, im Grunde erging es ihr dieser Tage nicht anders. Unter bestimmten Umständen machte es wohl keinen Unterschied, ob es die geistliche Last einer Priesterin oder die weltliche Verantwortung einer Glasermeisterin zu schultern galt.

Einen gewichtigen Gegensatz zu Elises Schicksal gab es allerdings sehr wohl. Immerhin besaß sie in Tristan einen leidenschaftlichen Fürsprecher, noch dazu jemanden von Rang und Namen. Dia hingegen stand niemand zur Seite, stattdessen fürchtete sie, den Unmut ihrer Brüder zu erregen, welche zweifellos darauf beharrten, die junge Dame müsse sich allein auf deren Zuwendungen verlassen, und ansonsten auf jedwede Form der Selbstständigkeit verzichten. Dia äußerte jene Sorge nicht zum ersten Mal und Elise stand die Frage nach dem Warum deutlich ins Gesicht geschrieben. Beim besten Willen leuchtete ihr nicht ein, weshalb die Ausübung einer solch wundervollen Kunst eine Schande für die Familie des talentierten Glasermädchens sein sollte. Sie wusste nicht viel über die Anforderungen, welche weibliche Angehörige ihres Standes erfüllen mussten, handwerkliche Arbeit gehörte jedenfalls allem Anschein nach allein zu den Obliegenheiten der männlichen Nachkommen. Und in der Tat entsann sie sich nicht, irgendwann einer Bürgerlichen begegnet zu sein, die einem Gewerbe nachgegangen wäre. Andererseits kannte sie abgesehen von den hochnäsigen Töchtern ihres letzten Dienstherrn und Dia selbst keinen Vertreter dieser Gesellschaftsschicht. Demnach konnte sie sich kaum ein Urteil hierüber erlauben.

Die Glaserin schloss mit der eher trüben Aussicht, den Laden womöglich nicht zu übernehmen, und die Bauersfrau erwiderte ihren Blick mit Ratlosigkeit. Gern hätte sie ein paar aufmunternde Dinge gesagt, sie dazu ermutigt, diese großartige Gelegenheit unbedingt wahrzunehmen. Auf der anderen Seite begriff sie die Einwände, welche Dia zu schaffen machten. Althergebrachte Vorstellungen darüber, was eine Frau zu tun oder zu lassen hatte, stellten oft ein schier unüberwindbares Hindernis dar, dies wusste Elise zur Genüge. Eine Weile stützte sie nachdenklich ihr Kinn auf die linke Hand und dachte angestrengt nach, ohne sich vom traurigen Antlitz ihrer Gastgeberin abzuwenden. Die friedvolle Umgebung und das liebliche Zwitschern der Vögel halfen der Bäuerin dabei, sich kurz zu sortieren. Elise wusste nicht, ob sie wirklich die passenden Worte fand, Dia zu ermutigen, sie zumindest ein wenig zu trösten. Vielleicht half es ja schon, einfach von jemandem zu hören, der schon früher vor einer ähnlichen Herausforderung stand.

„Ich versteh gut, wie Euch zumute sein muss“, sprach Elise und sah Dia mitfühlend an.

„Euer Meister hat Euch ein wundervolles Geschenk gemacht. Aber nun quält Euch die Frage, ob Ihr es annehmen dürft. Sein Vertrauen wert seid.“

Sie seufzte bitterlich. Die Empfindungen der Gesellin kamen ihr nur zu bekannt vor.

„Und natürlich dürft Ihr Eure Brüder nicht enttäuschen. Ganz gleich was wir tun, unseren Liebsten möchten wir’s immer recht machen. Eine anständige Tochter sein. Oder eine gute Ehefrau.“

Ganz unbewusst schweifte Elise für einige Sekunden in die Ferne, ehe sie sich neuerlich Dia zuwandte. Mit leiser, beinahe flüsternder Stimme begann sie zu erzählen.

„Ich war noch sehr jung, als ich heiratete. Meine Familie entstammt einfachsten Verhältnissen, müsst Ihr wissen. Alles, das ich besaß, teilte ich mit meinen vier Geschwistern. Wir besaßen nicht viel, doch führten ein glückliches Leben.“

Elise lächelte bei der Erinnerung an ihre Brüder und Schwestern. Noch heute fragte sie sich oft, wohin es sie im Leben verschlagen haben mochte.

„Und dann, eines Tages, traf ich auf dem Erntefest von Lorgand meinen Mann, den reichen Grundbesitzer Burkhard Niederhold. Ich kehrte meinen Eltern kurz den Rücken, lief zum Marktplatz, um die Spielleute zu sehen. Bald verirrte ich mich heillos. Er bracht mich unbeschadet zurück.“

Ein Hauch von Wehmut stahl sich in den Ton der Bauersfrau. All der Enttäuschung zum Trotz, die das Eheleben ihr bald danach offenbarte, konnte sie kaum ihre romantischen Gefühle in dieser denkwürdigen Nacht verhehlen. Im Nachhinein kam es ihr reichlich närrisch vor.

„Ein paar Tage danach besuchte er unseren Hof und hielt um meine Hand an. Ihm gehörte das fruchtbarste Land des ganzen Lehens, eine jede Tochter wär seinem Ruf gefolgt. Stattdessen erwählte er mich. Und so wurd ich seine Gemahlin.“

Elise machte eine kleine Pause. Bis hierhin musste Dia der Grund, weshalb sie all dies von ihr erfuhr, gänzlich schleierhaft sein. Behutsam faltete die Gemeine beide Hände in ihrem Schoß und fuhr fort.

„Von heut auf morgen war ich die Gutsherrin der größten Pacht im Umland. Nicht nur für die Pflichten einer treuen Gattin musst ich sorgen, sondern auch meinen Beitrag leisten, um unseren Besitz zu verwalten. Ganz plötzlich gab es mehrere hundert Morgen Land zu bewirtschaften, dazu eine große Schar von Knechten wie Mägden. Und besuchte mein Mann der Geschäfte wegen die Stadt, was nicht selten geschah, wandten sie sich eben an mich.“

Die Bäuerin deutete ein Kopfschütteln an. Aus heutiger Sicht amüsierte sie ihre eigene Hilflosigkeit beinahe.

„Natürlich überforderte mich alles heillos. Ich gesteh, am Anfang schlug ich mich wohl nicht sehr gut. Trotzdem gab ich mir Mühe, es jeden Tag ein wenig besser zu machen, lernte, meine Aufgaben zu meistern, Stück für Stück.“

Ihr Ausdruck gewann einen Moment lang an Ernst, wirkte beinahe schwermütig.

„Burkhard schalt mich oft. So sehr ich es versuchte, zufrieden stellen konnt ich ihn nie. Nicht selten verlor er die Geduld mit mir. Häufig schien es vollkommen egal, ob ich wirklich etwas Falsches tat.“

Dann fiel von neuem ein Lichtschein auf Elises Antlitz.

„Anders verhielt es sich mit unseren Erntehelfern und Dienstboten. Sie hießen mich willkommen, halfen mir, wo immer es ging. Es dauerte kaum einen Monat, da hatten sie mich schon in ihren Kreis aufgenommen. Gemeinsam machten wir uns daran, die Felder zu bestellen, und es lief wundervoll, von der Aussaat bis zur Ernte, viele Sommer lang.“

Zum Schluss musste die Bäuerin herzlich lachen.

„Eines Frühjahrs erhielten wir gar eine Grußbotschaft seiner Hoheit, des Fürsten persönlich. Er ließ uns für die Hilfe im vergangenen harten Winter danken und erlaubte meiner Familie als Lohn die Jagd in einem kleinen Forst. Stolzer bin ich nie gewesen.“

Sie neigte ihr Gesicht ein wenig zur Seite, sprach leiser, fast schon andachtsvoll.

„Zumindest bis zur Geburt meiner Kinder. Erst sie machten mein Glück vollkommen. Ich musst sie nur ansehen und wusste, es gab nichts zu bereuen.“

Immer wenn Elise von ihren Töchtern und ihrem Sohn sprach, tat sie dies mit großer Behutsamkeit. Diese kostbarsten Erinnerungen behandelte sie gleich rohem Porzellan, das nur ein unachtsames Wort zu zerbrechen drohte. Um nicht erneut der allgegenwärtigen Sehnsucht anheim zu fallen, beeilte sie sich, ihre Schilderungen zu beschließen, und sah Dia dabei tief in die Augen.

„Eigentlich will ich Euch damit nur eines sagen. Zuweilen stellt uns das Leben vor eine Wahl. Und egal welchen Weg wir auch einschlagen mögen, es gibt meist immer jemanden, der damit nicht einverstanden sein wird. Das gilt besonders für uns Frauen.“

Die Bäuerin zeigte sich an dieser Stelle selbst verblüfft ob ihrer Offenheit. Jene Haltung passte im Grunde überhaupt nicht zu der Schicksalsergebenheit, mit der sie im Allgemeinen über die Dinge urteilte. Die freundschaftliche Gegenwart des Glasermädchens förderte eine Seite an ihr zutage, die sie bislang gar nicht kannte.

„Vielleicht solltet Ihr einfach darüber nachdenken, was Euch am besten gefiele. Euer Lehrmeister muss ein bedeutender Mann sein. Gewiss hat er Euch nicht ohne Grund zu seiner Nachfolgerin ernannt. Bestimmt ist es ein großer Schritt und Ihr müsst nichts überstürzen, doch überlegt nur, wieviel Ihr dabei gewinnen könntet. Und wär’s nicht schade, wenn Ihr nie herausfändet, an welchen Ort er Euch führt?“

Langsam bemerkte Elise die Woge der Euphorie, welche all die im Stillen versprochene Zurückhaltung vergessen machte. In der Befürchtung, weit über das vertretbare Maß hinausgegangen zu sein, hob sie entschuldigend die Hände.

„Bitte verzeiht mir“, bat sie hastig. „Ich hatt nicht im Sinn, Euch Ratschläge zu erteilen. Mein Geschwätz muss furchtbar klingen. Die meisten meiner Tage verbring ich in Schweigsamkeit. Womöglich vergess ich mich darüber zuweilen.“

Verlegen spielte sie ein wenig an den Ärmeln ihres Kleides. Den letzten Satz prägte dieselbe Schüchternheit, welche sie üblicherweise mit sich herumtrug.

„Aber es würd mich freuen, irgendwann einmal eines Eurer Werke sehen zu dürfen. Selbstverständlich nur, falls Ihr damit einverstanden seid.“
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