Der Marktplatz
#51

Taur

Druidenlehrling
Dunkelelf
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»Zugehört?« Taur brauchte einen Moment um zu begreifen, was sie eigentlich meinte. Mèowýn redet anders mit Tieren. Über Gedanken. Er konnte dabei immer nur geschnaubte Gesprächsfetzen von Feoglyn wahrnehmen. Die ausgetauschten Gedanken blieben ihm dabei immer verborgen. Und der junge Elf erinnerte sich, dass sie dabei dem großen Hengst immer sanft über die Flanke strich. Aber den Hund hat sie diesmal gar nicht berührt »Ach Du warst das.« bemerkte er verblüfft. Erst jetzt wurde er sich im Nachhinein der eigenartigen Empfindung bewusst. Die sanfte Berührung seiner Prinzessin hatte diesmal nicht nur auf den berührten Fingern angenehm gekribbelt. »Es hat ein bisschen gekitzelt. Nein eher geschaudert. Ganz leicht hier hinten drin.« Er tippte sich auf den verwuschelten Hinterkopf. Jetzt wusste er auch woher er diese seltsame Empfindung kannte. »Ein bisschen so, wie wenn Du mich ins wohlige Dunkel das von Dir umgeben ist tust. Nur eben ein bisschen, so da hinten.«

Taurs Herzschlag klopfte wie wild, als sich seine Prinzessin in der Dunkelheit Hilfe suchend an ihn klammerte. Sie war dermaßen bezaubernd, wenn sie halbblind in die Düsternis schielte, dass der Anblick fast schon weh tat. Taur streckte seine sonst eher schmächtige Brust und drückte sie an sich, um ihr soviel wie möglich Geborgenheit, Sicherheit und Zuversicht zu vermitteln. Und sich natürlich als Ritter und Beschützer zu geben, was ihm nochmal so gut tat, wie ihre weiche Haut in seinen Armen zu spüren.

Als sich deutlicher zeigte, dass der alte Schneider sich draußen eine gute Weile mit seiner Verdauung abmühen würde, löste sich der junge Elf langsam von dem Mädchen und machte sich daran ihren Vorschlag zu befolgen.
»Dann bin ich gleich wieder da.« Taur hauchte ihr einen Kuss auf die Wange und verschwand lautlos in der Dunkelheit des Schuppens und kramte zwischen den exotischen Kostbarkeiten im Lagerraum der Schneiderei. Ab und zu blitzten seine glimmenden großen Augen zwischen den Regalen hervor oder sein unterdrücktes Keuchen drang an ihre Ohren, wenn er sich mit einem schweren Stoffballen abmühte, dazu das Knarzen der alten Regalbretter, wenn er auf ihnen herum kletterte.

Ab und zu kehrte er zu seiner Prinzessin zurück und legte samtweiche, nach Lavendel oder Mottenkugeln duftende kleine Ballen in ihre Hände oder drapierte mit fast lautlosem Kichern hauchzarte Streifen aus kaum spürbarem Gespinst um ihre Schultern. »Oh, das ist schön,« hauchte er während seiner kurzen Streifzüge erstaunt und klappte - dem Geräusch nach - ein kleines Kästchen wieder zu. Stolz kam er zu dem wartenden Mädchen geschlichen, öffnete das Kistchen wieder und präsentierte ihr stolz den Inhalt aus edlen mit Halbedelsteinen verzierten Knöpfen und sorgfältig aufgerollten, fein ornamentierten Bordüren. Er blickte einen kurzen Moment verständnislos in Mèowýns lieblich fragendes Gesicht mit den dunklen Augen, die an seinem Ohr vorbeischielten. »Hammer- und Stollenbruch!« fluchte er leise. »Ich Idiot.«

»Du könntest versuchen mit zu gucken,« flüsterte er, während seine Finger sanft ihre Hand in die seine nahmen. »Wie vorhin beim Mithören. Vielleicht klappt’s ja.« Gespannt schaute er sie an und konzentrierte sich auf sein Innerstes. Diesmal wollte er bewusst auf das leichte Schaudern und die wohlige Wärme ihrer Präsenz achten, dass kaum spürbar im Nacken und Kopf kribbeln würde, während ihre Geistfühler in ihn eindringen und nach seinen Sinnen tasten würden.

Nach einiger Zeit wurde lautstark die herzverzierte Tür des kleinen Verschlags draußen im Hof zu geschlagen. Es folgte ein wohliger Seufzer und schlurfende Schritte über den Hof, die von einem leicht unmelodiösem Pfeifen begleitet wurden. Taur hielt die Luft an, lauschte und hielt wieder beschützend das schwarzhaarige Mädchen.

Der alte Schneider stutzte, grummelte missmutig und schlurfte zu Lagerschuppen. Fahrig rüttelte er an der Tür und stellte mit einem verblüfften »Was?!« fest, dass sie nicht wie erwartet verschlossen war.

Taur tastete herum und ergriff ein festes Dreifußholz, das zum Abmessen der Stoffe hier bereit lag. Er wog es in der Hand und starrte zur Tür. »Erdmutter, schütz ihn und lass ihn weggehen,« betete Taur leise. Ihm graute davor, dem arglosen alten Schneider das kantige Holz kaltblütig über den Schädel zu ziehen. Aber um Mèowýn zu schützen... Er zitterte, griff das Holz fester und stellte sich schützend vor das Mädchen. Jetzt wird es ernst.

»Diese nutzlosen Bengel. Ich hab Ihnen dreimal eingeschärft, vor Ladenschluss das Lager zu schliessen. Bei den Sieben! Alles muss man selbst machen.« Er tastete suchend in der Dunkelheit. Zuerst fiel die Rattenfalle scheppernd zu Boden, was weitere Flüche des alten Mannes nach sich zog. Dann fanden seine knotigen Finger das Schloss. »Na also.« Der alte Schneider schloss die Tür und nestelte mit geübten Handgriffen blind das Schloss in den Riegel.

Das Klicken des rostigen Schlosses hallte wie Donner durch den dunklen Lagerschuppen. Sei vorsichtig, mit dem was Du Dir wünschst... Es könnte sich erfüllen! hörte Taur die Stimme des alten Mannes wieder einmal in seinen Gedanken.

»Diese faulen Nichtsnutze können morgen was erleben,« fluchte der alte Meister nochmal, bevor er lautstark die Hoftür hinter sich zuwarf.

Taur blickte verdattert zu dem Mädchen, zu dessen Schutz er sich so aufgeplustert hatte. »Beim großen Amboss! Was jetzt?«
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#52

Mèowýn

Waldläuferin
Mensch
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Es knatterte und knarzte, aber Mèowýn fürchtete sich nicht. Ruhig stand sie da, die Arme ausgebreitet und das feine Lächeln wie ein Kunstwerk auf ihrem Gesicht drapiert. Sie hörte ihren Liebsten arbeiteten und stellte sich den Ort voller Regale alter Kostbarkeiten vor. Stoffe, so wusste sie, konnten weniger kratzig und geradezu fein sein – in etwa so wie die Dinge, die ihr Eriana gezeigt hatte und die sie bei der Baumhüterin gefunden hatten. Auch ihr sehr altes und ausgeleiertes Elfenkleid war aus feinstem Leinen und war vor Ewigkeiten einmal ein angesehenes Bekleidungsstück gewesen. In etwa so stellte sie sich den Rest der Kammer vor.
Hin und wieder hörte sie Taur die gefundenen Gegenstände kommentieren. Sie versuchte sie sich dann vorzustellen, aber ihr Kopf war ein wenig zu lange in der Feenwelt gewesen. Wahrscheinlich waren alle Gegenstände zu bunt und ungenau, die vor ihrem inneren Auge erschienen.
Dann bemerkte sie, dass er näher kam. Seine Augen schienen wie Laternen und waren von sich aus zu erkennen. Sie lächelten, grinsten fast und wirkten dann doch ein wenig überrumpelt. Ein wenig beschämt bemerkte sie, dass er ihr etwas gezeigt haben musste, denn sie hörte wie er näher kam und sah für einen Moment eine eher unglückliche Miene. Dann fühlte sie seine Hand in ihrer und es war ihr schon fast wieder egal, dass die beiden wohl für andere Tageszeiten geschaffen waren.
„Mit deinen Augen sehen?“, fragte sie schon fast ein wenig überrascht. Sie hatte sich so sehr auf das Warten konzentriert, dass sie nicht geglaubt hätte, plötzlich wieder aktiv werden zu müssen.
Doch sie nickte langsam. Einerseits, weil er aufgeregt war und sie unter keinen Umständen dieses Angebot ablehnen wollte – andererseits weil sie es auch so gerne probieren wollte. Seit sie die Konsequenzen ihres Handelns ein klein wenig erahnen konnte, war sie vorsichtiger und rücksichtsvoller geworden.
Es ist wie bei Feoglin. D a habe ich das auch schon einmal gemacht, dachte sie, schloss aus Routine ihre Augen und konzentrierte sich auf die Hand.

Es war so leicht. Fast ein wenig wie bei Feoglin, wo sie ihn so sehr gewöhnt war, dass sie sich kaum mehr auf ihn konzentrieren musste. Auch Taur kam ihr unendlich vertraut vor. Als würde sie ihn schon seit Ewigkeiten kennen, als wäre er irgendwo ein Teil von ihr. Gleichzeitig war er aber auch geheimnisvoll und vielseitig. In Wahrheit würde sie wohl nie alle seine Fascetten jemals erahnen können. Ihr Geist streifte den seinen kaum. Wie bei den Tieren berührte sie ihn nur sanft und suchte dieses Mal nicht nach der inneren Wahrnehmung, in der sie sonst die Worte fallen ließ, sondern nach der Äußeren. Sofort fand sie die Augen, fast schon ein wenig zu leicht. Mèowýn seufzte und sammelte ihren Mut. Es wäre leicht gewesen, diesen Augen ein Bild zu senden, es war ein wenig komplizierter, die eigenen zusammen zu drücken und die anderen zu öffnen, als wären es die eigenen.
Oder, mahnte eine Stimme in ihrem Kopf sie mit der hohen Tonlage ihrer Feenmeisterin: du nimmst einfach, was schon da ist.
Mèowýn probierte es erneut und versuchte Taurs Wahrnehmungen zu ertasten. Die waren doch wieder ein wenig weiter in ihm drinnen, dort, wo sie normalerweise sprach. Und dann fand sie die Augen.
Es war hell. Erschrocken blinzelte sie kurz mit seinen Augen, dann ließ sie ihn wieder los und sah nur noch.
Doch er schaute nicht auf das Kästchen, dass sie aus den Augenwinkeln erspähen konnte. Auch von dem Raum machte sie wenig aus. Er blickte sie geradewegs an, wie sie da stand. Sie kam ihr selbst fremd vor. Fast merkwürdig in dem fahlen Licht, der Ausdruck leer und doch irgendwie zufrieden. Taur musterte sie angestrengt und Mèowýn versuchte die sanften Impulse zu der Kiste zu schicken. Es brachte nichts. Sie würde kontrollieren müssen, falls sie mehr als ein paar schimmernde, bunte Dinge ausmachen wollte.
Aber sie ließ es bleiben.
Irgendwie war dieser Moment umso schöner, wenn sie ihn nicht zerstörte. Diese gesamte Konzentration, die er für sie aufbrachte, mit der er sie auch anscheinend hier bei ihm suchte. Sie konnte es fast fühlen. Ihr wurde es warm um die Seele und wenn sie gerade einen Körper hätte, so würde er rot anlaufen und lauthals mit dem Herzen schlagen.

Mèowýn schlug die Augen auf, als Taur zusammenzuckte. Nun hörte auch sie das Klopfen, während sie eher orientierungslos versuchte, in der Dunkelheit zurecht zu kommen. Dann wurde die Türe geöffnet und ein fahler Lichtstrahl fiel hinein. Jetzt konnte Mèowýn endlich die Knöpfe ausmachen, denen sie aber keinerlei Beachtung schenkte. Instinktiv duckte sie sich tiefer in die Dunkelheit, während Taur zu ihrer Überraschung nach einem Stück Holz griff. Normalerweise versteckte sich der Junge sonst vor allem und nun griff er nach etwas.... doch nicht als Waffe, oder?
Alarmiert trat sie vor und hörte ihn wispern. Ihr Weltbild geriet langsam ins Wanken: Sie war es immer gewesen, der ihn beschützt hatte. Er hatte zwar die Kraft, aber nie den Mut oder die Skrupellosigkeit besessen. Nun fürchtete sie um den fremden Mann. Beschwichtigend wollte sie ihn zurückhalten, als die Türe schon wieder zufiel.
Erleichtert atmete sie auf, als der Riegel vorgeschoben wurde.

Sie wartete, bis die Schritte verklungen: „Was wolltest du mit dem Stab?“, forderte sie zu wissen und warf einen suchenden Blick durch die völlige Dunkelheit. Flucht war momentan nicht ihr erstes Problem, aber langsam entspannte sie sich. Zu wissen, dass Taur sie verteidigen wollte, half schon ein klein wenig.
„Manche Lagerhallen haben kleine, verschlossene Luken im Dach. Sie sollen helfen, damit kein Feuer ausbricht.“
Sie schüttelte den Kopf: „Oder wir fragen den Hund, ob er nicht helfen kann, den Riegel hochzuheben. Vielleicht findet er ja einen Schemel....“ Sie lachte leise, fast verzweifelt, weil ihre Idee so abstrus war. Und dennoch fühlte sie sich noch nicht eingesperrt. Sie würden schon einen weg herausfinden. So richtig in der Falle waren sie noch immer nicht. Nicht, bevor sie nicht alles, unmöglich wie möglich, probiert hatten.
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#53

Taur

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Dunkelelf
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»Das Massholz? Ich weiss nicht... Wenn der alte Schneider uns entdeckt hätte und Sie Dir etwas antun hätten wollen, wie damals im Turm... Erdmutter ist das dunkel.« Taur hatte wieder das Gefühl von einem düsteren Tunnel, der sich vor ihm öffnete und hinab führte. Unverwandt starrte er auf das Stück Holz in seiner Hand, als müsste er sich angestrengt erinnern, wie es dahin gekommen war und schließlich ließ er es angeekelt fallen. Als hätte er versehentlich eine Giftschlange aufgegriffen. Er schüttelte sich kurz, fand aber schon wieder zu seiner abenteuerlustigen Laune. »Der alte Hund wird wohl kaum das Schloss aufknacken können. Göttin im Berg... Also wohl nochmal da raufklettern.« Wieder erschien der kleine schimmernde Halbmond seines Lächelns in der Dunkelheit.

Taur hielt den Ballen den er gerade mühselig heraus gewuchtet hatte unentschlossen in den Händen. Er hatte vorgehabt eine Lücke zu schaffen und den Ballen, der fast so groß wie er selbst war, als Tritt zu nutzen um besser hochklettern zu können und das grob gezimmerte Schuppendach in Augenschein zu nehmen. Eigentlich hätte ihm jetzt der eiskalte Griff der Panik den Rücken hinaufkriechen müssen und ihn in einen Zustand heilloser Panik und Angst versetzen sollen. Sie waren schließlich in diesem Verschlag gefangen und ob sich oben im Dach eine Fluchtmöglichkeit bot war nur eine hoffnungsvolle Vermutung. Eine durchaus vertrackte, unangenehme Situation, in die sie da geraten waren und es war...

Es war - gemütlich. Die dicken Stoffballen, die dicht gereiht in den engen Regalen lagen, dämpften die nächtlichen Geräusche der Stadt und tränkten die etwas stickige Luft mit ihren eigenem Duft, der von den alten Holzbalken mit einer harzigen alterwürdigen Note gewürzt wurde. Ab und zu knarzten die alten Balken bedächtig, wenn sie die im Innern aufgestaute Hitze des Tages in die Kühle der Nacht entließen und sich ein Stück entspannten. Oder die alte Ordnung wieder aufnahmen, nachdem eilige Hände und Füße eines jugendlich ungestümen Elfen über sie hinweggestiegen waren und ihre Ruhe aufgestört hatten.

Taur stellte den mächtigen Stoffballen gemächlich ab. Der Morgen war noch ein paar Stunden entfernt, der alte Schneider würde sobald nicht wieder in den Hof seiner Schneiderei kommen. Ein paar Augenblicke dieser Atmosphäre zu widmen konnte doch nicht schaden. Statt ein weiteres Mal die Höhen der Regalwände zu erklimmen ließ sich der junge Elf genießerisch auf den Ballen fallen, der üppig den Zwischenraum zwischen den Regalen ausfüllte. Er lehnte den Rücken an den weichen breiten Bollen zusammengeschnürten Leinens im Regal hinter ihm und sortierte die angewinkelten Beine zwischen die Brokatstapeln vor ihm. »Behaglich... Vielleicht könnten wir von hier aus ausmachen, ob Du von hier etwas Lukenartiges in dem Holz dort oben wiedererkennen kannst.« Er rutschte etwas zur Seite, sodass auf dem abgestellten Stoffballen noch ausreichend Platz für Mèowýn wäre. »Wie ein Raum voller Kissen, oder Wolken...« sinnierte er etwas verträumt vor sich hin.

Vorhin, als er extra darauf geachtet hatte, da konnte er sie ganz deutlich in sich drin spüren. Wie eine samtweiche Hand, die sanft über seine Sinne strich. Von innen. Irgendwie gruselig kicherte er stumm. Nur kurz hatte etwas unangenehm an seinen Augen gezogen, sodass er gezwungen war zu blinzeln. Ab er sonst hatte er deutlich die so vertraute Präsenz in seinem Inneren verspürt. Nicht unangenehm, eher im Gegenteil. Wie ein Marienkäfer, der neugierig aber gemächlich seinen Weg sucht, während er über Unterarm und Hände krabbelt. Und man mit wohlig zusammengebissenen Zähnen das Kitzeln aushält, um ihn nicht zu verscheuchen. Und wie immer, war der Marienkäfer dann viel zu schnell weggeflogen.

Er streckte sich behaglich, soweit es in der Enge zwischen den Regalen möglich war, und seufzte zufrieden. »Wir sollten von den dickeren Stoffen etwas für den Palast mitnehmen. Etwas für die Wände und den Sitzbereich.« Er brummte unentschlossen. »Schlagwetter nochmal! Fragt sich nur, wie man so einen Ballen durch eine Notluke dort oben bugsieren sollte?« Geschweige denn den Weg in den Wald. »Kommt Zeit, kommt Rat.« Er lehnte sich wieder gemütlich zurück und lächelte seine Prinzessin an. Zusammen konnten sie alles schaffen. Oder zumindest mit allem glücklich werden, was schaffbar war.
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#54

Mèowýn

Waldläuferin
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Taurs Ausflüchte ließen Mèowýn schaudern. Sie erinnerten das Mädchen unangenehm an Erfahrungen mit ihrem Liebsten, die sie gerne verdrängt hätte. Einen wütenden Dunkelelfen zu beruhigen gehörte nicht zu den angenehmen Dingen im Leben und es war noch schlimmer, wenn dieser Dunkelelf zufälliger Weise die bedeutendste Person in ihrem Leben war. Manchmal mochte dann das Mädchen ihre eigenen Gedanken nicht. Es war fast, als würde sie den Jungen mögen, obwohl er ein Dunkelelf war, geboren, um zu zerstören, vernichten und Angst und Schrecken zu sähen. Sie sah ihn gegen den Abgrund in seinem Inneren ankämpfen und fragte sich manchmal, in unguten Stunden, ob sie ihn wider erkennen würde, wenn er jemals nachgäbe.
Aber dann... zog er auch seine Kraft und seine Stärke aus eben jener Magie, mit denen er die Pflanzen und die Tiere um ihn herum beruhigte, ihr liebliche Stunden schenkte und sie gemeinsam durch die Wälder streifen konnten. Es war fast, als hätte er zwei Seiten, die miteinander rangen - und die eine würde sie nicht ertragen können.
„Es wäre schlimmer gewesen, hätte er dich entdeckt“, flüsterte sie leise: „Aber wir hätten bestimmt schneller rennen können“. Sie wusste natürlich, dass das Quatsch war. Aber es gab keinen Grund, dass er jemanden.... sie wagte es nicht den Gedanken zu Ende zu denken und ließ sich lieber auf die behagliche Atmosphäre ein, die eine dunkle Kammer mit sich brachte.

Auch Taur begann vergnügt durch die Gegend zu wandern und sie hörte wieder die leise Aktivität, die ihr Freund in der völligen Dunkelheit machte. Mèowýn war nicht verängstigt. Nicht im mindesten. Das Schlimmste wäre, entdeckt zu werden. Hinaus würden sie schon noch gelangen. Ihre Finger ertasteten ein Regal und sie lehnte sich an die kalte Wand, die Augen irgendwann geschlossen, weil sie sowieso außer zwei blitzenden, violetten Augen nichts ausmachen konnte.
Seine Worte kamen dann eher zusammenhanglos daher. Von wo etwas ausmachen? Wo war er? Und was tat er?
Mèowýn folgte seinem Blick, bis sie unschlüssig vor ihm stehen blieb. Nun war ihr ein ganz klein wenig unheimlich zwischen den gigantischen Regalen, die sie nicht sehen konnte, und seinem Blick, der ihr einziger Halt war. Er war niedriger als normal und sie bemerkte erst, als ihr Fuß gegen den Stoffballen stieß, dass er saß.
Ihre Hand griff vorwärts und berührte sein Knie, dann den Ballen. Ungeschickt setzte sie sich neben ihn, während sie die Wärme fühlte und die Gemütlichkeit genoss.
Ohne, dass sie sich daran erinnern konnte, wann es passiert war, ruhte ihr Kopf an seiner Schulter. Ein wenig ungelenk und dadurch ein klein wenig ungemütlich, aber doch wichtig, weil sie ihre Balance hier vielleicht nicht alleine halten konnte.
„Ich sehe nichts“, murmelte sie leise, ihre Schulter an seiner Schulter. Ihr Arm an seinem Arm. Doch anstatt, dass sie sich beruhigte schien ihr Herz in Erwartung schneller zu klopfen. Ihre Backen färbten sich wieder rot und sie war dankbar für die Dunkelheit, in der sie meinte, dass niemand dies sehen konnte.
Und dann, schließlich, in alle der Stille und Ruhe, eingeschlossen in dem Lagerhaus eines Schneiders, auf Diebestour, unsicher, wie die Zukunft aussehen würde, wurde ihr Atem leiser und langsamer. Und schließlich schlief sie ein, den Kopf direkt an ihm ruhend, den Harzgeruch in der Nase, die Hände mit seinen Händen umschlossen. Und wenn nichts geschah, so würde sie wohl erst am nächsten Morgen erwachen, zu sicher und perfekt erschien einem sehr irrationalen Teil von ihr dieser Moment.
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#55

Taur

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Er wusste, dass sie eigentlich weiter mussten, es immer noch die Gefahr bestand, dass sie entdeckt wurden.
Doch Taur wagte nicht sich zu bewegen, auch wenn sein Arm kribbelte und einzuschlafen drohte. Um nichts in der Welt wollte er diesen kostbaren Moment stören. Der langsame Atem des dunkelhaarigen Mädchens strich über seine Brust und kitzelte in seiner Nase. »Ich werde für uns beide gucken,« versprach er und nahm sich fest vor, trotz der Ruhe aufmerksam zu wachen.
Mèowýn leuchtete stärker in der Dunkelheit. Sie wurde sichtbar wärmer und er konnte ihren eigentümlich schnellen Herzschlag an seiner Schulter pochen spüren. Seltsamerweise ging sein eigenes Herz nicht viel langsamer und eine seltsame Wärme breitete sich auch in ihm aus. Zärtlich strichen seiner Finger über Ihre Hand, die in der seinen lag. »Ich werde aufpassen,« versprach er aufrichtig, bevor ihm auch die Augen zufielen.

Taur schreckte hoch, als er unregelmäßige, knirschende Geräusche von der Tür vernahm. Irgendjemand fummelten hektisch mit ungeduldigen Fingern am Schloss herum. Taur wollte sich geschmeidig aufrichten, allerdings gab sein tauber, gefühlloser Arm nach. Er schaffte es gerade noch nicht vom Ballen zu fallen, in er seine Beine im Regal verschränkte und mit dem noch brauchbaren Arm seine Prinzessin festhielt, um sie vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren. »Mèowýn! Wach auf.« hauchte er tonlos in Ihr Ohr. Mit zusammengebissenen Zähnen, denn das Kribbeln in seinem Arm, in dem quälend langsam wieder Gefühl ausbreitete, stach furchtbar. »Da kommt wer. Irgendwie haben sie uns gefunden.«

Ein kicksiges, schlecht unterdrücktes Kichern begleitete das angestrengte Schnaufen desjenigen, der versuchte, den Schlüssel in das angerostete Schloss zu stecken.
»Wenn Du damit schon Probleme hast,« wisperte eine neckende Stimme, die vorher gekichert hatte. »Wir hätten doch an den Paladinen vorbei in den Gründerpark gehen sollen.«

»Ach was hier ist es besser. Wirst schon sehen. Der alte Meister schläft wie ein Stein. Der braucht die Kraft um uns tagsüber piesacken zu können. So na endlich.« Der Schneidergeselle schaute sich nochmals um, bedeutete scherzhaft mit einem Augenzwinkern dem Hofhund zu schweigen. Der bearbeite inzwischen ungerührt das mitgebrachte Wurststück. Für ihn schien sich diese Nacht durchaus vorteilhaft zu entwickeln.

Taur drückte sich und Mèowýn tief in die Schatten in eines der unteren Regale, das gerade so für sie beide Platz bot und sie hoffentlich vor den beiden Neuankömmlingen verbergen mochte. Der junge Elf fühlte sich furchtbar sichtbar. Wenn die jetzt hierher blicken, sehen sie uns gleich. Halt suchend griff er etwas fester als sonst die Hand Mèowýns.

Aber er hatte die Nachtblindheit der Menschen unterschätzt. Und wenn sie wirklich den Dunkelelf und das Mädchen suchen würden, stellten sie sich reichlich ungeschickt an. Die beiden jungen Menschen kümmerten sich nicht besonders um ihre Umgebung. Wie sie aneinander geklammert, blind in dem Schuppen herum stolperten, schien es Taur, als hätten die beiden mehr Zwergenbräu oder Met getrunken als Ihnen gut tat.

»Na Du bist aber ungezogen.« »Wenn Du wüsstest.« »Nicht doch. Lass das. Hihi« Taur fand die Worte verwirrend. Es klang nicht danach, oder sah so aus, als würde sich das Mädchen ernsthaft wehren.

Aber die raufen doch miteinander? In dem Getümmel zwischen den Stoffballen, lagen jetzt auch einige Kleidungsstücke, die die beiden in ihrer Balgerei verloren hatten. »Was machen die da?« fragte er sich leise.

Vorsichtig, Schritt für Schritt schob sich Taur an den Regalen vorbei, akribisch darauf achtend ja keinen Laut von sich zugeben und auf keinen Fall irgendein Geräusch zu verursachen. Die Mühe hätte er sich vielleicht ersparen können. Der Schneidergeselle und sein Mädchen waren selbst nicht die leisesten und vollends mit sich selbst beschäftigt.

Draußen im Hof drückte Taur langsam die Tür des Schuppens zu. Sie knirschte dabei leise, was Taurs Herz einen panischen Moment aussetzen ließ. Aber nur der Hofhund blickte kurz von seiner zweiten Bestechungswurst auf, knurrte etwas ungehalten und knabberte unbeeindruckt weiter. Drinnen um Schuppen war nur unterdrücktes Wispern, Kichern und Knarzen des Regalholzes zu vernehmen. »Hammer und Stollenbruch!« flüsterte der Dunkle. »Wenn die so weiter lärmen, werden die noch den Schneider aufwecken. Lass uns lieber verschwinden.« Taur vermummte sich gewissenhaft in seine dunkelrote Robe, hielt dann aber kurz inne. Ein spitzbübisches Grinsen leuchtete im Schwarz der ausladenden Kapuze. »Wir könnten noch das Schloss wieder anbringen.«

Über ihnen kroch ein purpurner Schimmer langsam über das schwarzsamtene Himmelsgewölbe und ließ die schwächsten der funkelnden Sterne verblassen. Auf dem naheliegenden Marktplatz zwitscherte ein unruhiger Vogel in einem der Bäume. Taur lauschte kurz. »Oha, eine Lerche fängt schon an, die Nachtigallen zu vertreiben.«
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#56

Mèowýn

Waldläuferin
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Es war ihre Lieblingsstimme, die sie weckte und so streckte sich Mèowýn langsam und schlug die Augen auf. Das machte leider keinen Unterschied. Es war stockdunkel und ihre Hand tastete orientierungslos durch Stroh und weichen Stoff. Ihre Nase kribbelte, Taurs Duft wehte eindeutig um sie herum und fast zeitgleich beschloss ihr Herz zu schlagen. Ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln und die eindeutig alarmierenden Worte schienen nicht ganz in ihr jugendliches Gehirn durchzudringen. Stattdessen versuchte sie sich noch einmal selbst zu erklären, wo genau sie jetzt waren und warum sie noch einmal hier waren.
Ein Fest hatten sie geplant, soweit sie wusste, und nun waren sie auf der Tour ein paar unbenutzte Dinge dem eigenen Bestand zuzufügen in diese Fall getappt – und jetzt war jemand an der Tür, wo doch ein Riegel davor war.
Noch immer langsam stand Mèowýn in der Finsternis auf und torkelte vorwärts. Sie fiel fast, aber da war die so bekannte Hand ihres Freundes, die sie wieder einmal vor dem Schlimmsten bewahrte.

Die Stimmen an der Türe waren aufgebracht und neckisch, die Elfentochter fragte sich für einen Moment, ob die beiden wohl tatsächlich vorhatten, hier ihrer eher animalischen Natur nachzugehen. Sie hatte nicht die besten Vorstellungen, dafür war sie zu isoliert und gleichzeitig zu behütet gewesen. Benommen folgte sie ihrem Freund, drückte sich gegen schwere Gegenstände und hörte die Stimmen, das schnelle Atmen und die eher dummen Wortwechsel. Sie schwor sich, niemals so albern mit einem Jungen zu sein, während ihr Verdacht unangenehmer Weise bestätigt wurde.
Irgendwie wollte Mèowýn nur noch fort Die Türe war offen, sie konnte matt die Konturen ausmachen, wenn sie sich drehte. Die beiden Jugendlichen würden das andere Pärchen nicht bemerken. Beide konnten lautlos gehen und außerdem würden sie kaum einen gefürchteten Dunkelelfen und seine eher nicht so gefürchtete dunkelhäutige Begleiterin suchen. Als Taur sich fragte, was die beiden machen, zog es Mèowýn vor, nicht zu antworten: „Lass uns einfach gehen“, flüsterte sie so leise, dass sie selbst ihre eigenen Worte kaum hören konnte.
Ihre Arme griffen noch nach einem Teil der Stoffe, die sie gestern gesammelt hatten, und dann ließ sie sich mit dem anderen durch die Dunkelheit führen, leise, ruhig und immer einen Schritt vor den anderen.

Als sie draußen waren und Taur die Türe schloss, atmete Mèowýn erleichtert auf. Ihr Herz pochte dabei und schließlich begann sie selbst zu grinsen und zu kichern. Selbst ein warnender Blick machte sie höchstens leiser, nicht aber lautlos. Der Vorschlag, den Riegel wieder vorzuschieben, nickte sie einfach ab, ihr steifer Rücken krümmte sich in einer nahezu lautlosen Lachwelle, die der Erleichterung und der skurrilen Lage geschuldet war.
Die Vorahnung eines morgens, dem Trubel auf den Gassen und der Gewissheit, dass der ein oder andere Bäckermeister schon längst auf den Beinen war, ließ dann doch Mèowýns nüchtern zurück: „Wir sollten gehen“, stimmte sie zu und huschte mit Taur über den Platz, zurück zu dem Loch im Lattenzaun.
Tatsächlich war auf dem Marktplatz schon Leben eingekehrt. Langsames möglicherweise, die meisten mürrisch und auf sich selbst bedacht, aber sie machte direkt fünf Gestalten aus, die entweder auf dem Wege zur Arbeit waren, oder ihren Stand in aller Frühe herrichteten.
Die Stadt schlief nie.
„Sollen wir über die Dächer zurück?“, fragte sie, dicht an eine Mauer gedrückt und blickte Taur an: „Vermutlich lassen sie uns auch so einfach gehen.“ Sie zupfte an seiner Robe: „Dir könnte ja auch einfach kalt sein.“
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