Die Kanalisation
#11
[Bild: ratling.jpg]

»Das war einer der Diener der Herrin der Tiefe,« erklärte zischelnd der bepelzte Schamane, während sein nervöser Blick immer noch ungläubig auf den unter dem trüben Fluten glimmenden Bannkreis schielte.
»Sie kommen nur sehr selten in die höheren Tunnel. Und wenn man sie nicht behelligt, verschwinden sie auch genauso geräuschlos wieder. Woher sie kommen, und wo die Zugänge in die Tiefe sein könnten, weiß wenn nur Achotosh.«
Der gebeugte Rattling seufzte. »Aber vor kurzem drangen Leuchtende in unsere Höhlen und vertrieben uns aus unseren alten Revier. Es sind ebenso Falschwesen ohne Leben in sich. Sie jagen aber in den oberen Gebieten und auf der Oberfläche. Menschlinge, Rattlinge, Tiere werden ohne erkennbares Ziel von ihnen angefallen.«

Stadtwache Aron

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»Bei den Göttern,« murmelte Broudi, als er im Geiste Stück für Stück die wenigen Puzzlesteinchen zusammensetze, die sich vor ihm materialisierten. »In was für ein Wespennest haben wir hier gepikst.« Und auf was für einem Vulkan leben wir arglos da oben unter der Sonne. »« Broudi war ein unerbittlicher Jäger. Aber einer, der die Geduld mitbrachte seine Beute vorher genau zu studieren und dann unerbittlich die Spuren zu verfolgen. Nicht selten geriet er darüber mit seinen Vorgesetzten aneinander, die auf Gehorsam und schnellen Ergebnisse pochten. Und Broudi wurde immer klarer, dass er einfach zu wenig über die Welt hier unten wusste. Und ein erfolgreicher Jäger sollte seiner Beute keine Art von Vorsprung lassen.

»Männer! Sammeln!« befahl er knapp und wandte sich dann an den Schamanen. »Habt Ihr einen Ort, einen trockenen Ort, an dem Ihr mir in Ruhe alles über die Machtverhältnisse in dieser unteren Welt erzählen könnt?« wies er den Schamanen an. Der alte Rattling war noch dermaßen überrumpelt, das er sich zunächst garnicht daran störte von einem Menschling -noch dazu in Unterzahl- Befehle entgegen zu nehmen. »Und Euch - Meister Isenheim - möchte ich bitten, bei bedarf die Erläuterungen des Weisen -ähm- Wesens hier mit eurem profunden Wissen zu ergänzen.«

Während der Schamane sie brabbelnd durch die dunklen Tunnel der Kanalisation führte, trottete Broudi schweigend und tief in Gedanken versunken hinter ihm her. Wenn er jetzt in Ruhe die beiden Begegnungen analysierte, erkannte er immer mehr Unterschiede, zwischen den grausig von innen heraus leuchtenden toten Mädchen und dem untoten Krieger, dem sie vorhin gegenüber standen. »Es gibt wohl viel mehr von ihnen. Und wie passt der auffällige Weg *unseres* dunklen Nekromanten und dieser Feldenbach da hinein.«

Die Grübeleien des Sergeanten wurden unterbrochen, als ihr Weg in ein größeres Gewölbe führte. Flackernde, ölig rauchende Feuer glommen durch zahlreiche kleine Löcher, die sich in die größere Haupthalle öffneten. Nervöses Wispern und Zischeln begrüßte die Neuankömmlinge und zahlreiche glimmende Augenpaare aus dem Halbdunkel verfolgten ihre Schritte.

Der Rattlingschamane führte sie zu einer dieser kleinen Seitenhöhlen. Sergeant Broudi befahl Django draußen vor dem Eingang Wache zu halten. Eine vorteilhafte Maßnahme, da in dem kleinen Seitenraum selbst der gebeugte Rattling sich noch weiter ducken musste und die verbliebenen vier Leute des Suchtrupps kaum ausreichend Platz fanden. Die Wände des Gemachs waren mit Knochen und kruden Malereien verziert. Sie und die ungegerbten Fälle stanken entsprechend. zumindest war es hier aber trocken. Der alte Rattling bedeutete seinen Gästen sich zu setzen, während er eine offene Tranfunzel und eine fleckige Flasche herbei holte, die er verschwörerisch öffnete. Genüsslich schnüffelte er daran, nahm einen tiefen Schluck daraus und reichte unter heftigem Husten die Flasche an den jungen Korporal weiter. Angewidert schnüffelte er daran und blickte hilfesuchend zu seinem Vorgesetzen. Als der Schamane kurz wegblickte, reichte er ohne zu trinken die Flasche schnell an den Zwerg weiter und imitierte ein recht falsch klingendes Husten.
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#12

Meister Belfour Isenheim

Runenkünstler
Zwerg
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Belfour war nicht von Grund aus neugierig. Nicht so wie andere, die unbedingt jedem Hinweis folgen mussten und jede kleine Andeutung zur Grundlage einer gigantischen Geschichte nahmen. Er war viel mehr interessiert – und manchmal trafen Worte sein Interesse und manchmal nicht. Die Lichtgestalten gehörten eindeutig dazu. Der Rattling konnte seinen durchdringenden Blick nicht sehen, wohl aber spüren. Von unten kam der Blick des Magiers, an seinen Stab gelehnt, schwer atmend, aber ruhig. Der Zwerg bemerkte zweierlei und beide Gedanken waren in sich beunruhigend. Erstens gab es hier Wesen, Ungeheuer, wie aus einer richtigen Erzählung des großen Heldenepos über Dorolim, der so ziemlich jede Kreatur in einem unfairen Kampf geschlagen hatte. Zweitens hatte der Rattlings-Clanführer die Zwerge nicht erwähnt. Wenn er seinem Volk hier beim Untertagebau noch nicht begegnet war, wie sollte Belfour sich dann eine solche Begegnung vorstellen?
Er überflog die eher zerrüttet wirkende Schar schlechtbewaffneter, aber zahlenmäßig starker Humanoiden. Es würde ein zäher Kampf werden, wenn die beiden unterschiedlichen Völker nicht einen Kompromiss fanden. Aber die Äxte der Zwerge waren scharf und die Dickschädel unnachgiebig. Belfour beschloss genauso gut das Geheimnis dieser himmlischen, großartig gebauten Oper zu bewahren, wie er das seiner anderen Schätze tat. Solange wie der Frieden in den unteren Hallen wehrte, solange sollte er stillschweigen wahren.

Die Leuchtenden. Der Zwerg erinnerte sich an die schabenden Hände, an die unwirklichen Laute und an das herabgleiten einer Axt, die dem Spuk ein Ende bereitet hatte. Die Geschichte hatte er bereits dem Sergeant erzählt und so bemerkte er nur mit einem kurzen Blick, wie eben dieser grübelte. Und schon hatte er eine Bitte ausgesprochen, der Belfour kaum bis gar nicht nachgehen würde. Die Machtverhältnisse unterhalb der Erde hatte diesen Menschen genauso sehr zu interessieren, wie der Ursprung der Kanalisation und dessen, was darinnen schwamm. Aber vielleicht konnte er doch einiges erfahren – auch wenn der friedliebende Zwerg sich für einen Moment fragte, ob Nichtwissen nicht ein höheres Gut wäre.

Mit kleinen, aber vielen Schritten folgte Belfour Broudi und hörte ihn leise wispern. Über die Untoten und…. – den Feldenbach? Belfours Auftraggeber? Besser gesagt, dem Goldgeber? Seinem langjährigen Schachfreund? Der Magier erinnerte sich gut daran, dass der Sergeant öfter von ihm gesprochen hatte. Immer abfällig, nachdenklich. Der Zwerg blickte noch einmal zurück zu der großen Halle, die sie nun verließen und überlegte sich, ob er ein gutes Wort für Alexander einlegen sollte. Schließlich entschied er sich dagegen. Er war einerseits zu loyal, um überhaupt hören zu können, was der Soldat vortrug, andererseits durfte er nicht vergessen, dass diese Menschen in uniformierter Rüstung den Grafen mitsamt seinen Ungehörigkeiten vertraten. Und weder der Feldenbach noch er noch die sonstigen üblichen Eingeladenen hatten an der Politik seiner Exellenz kein gutes Haar gelassen. Nein, Belfours Mission war es den Dunkelelfen zu finden, ihn zur Strecke zu bringen und dann dafür zu sorgen, dass hier unten nichts geschah: „Wenn diese verhexten Kreaturen tatsächlich von dem Dunkelelfen ausgehen, so wird seine Vernichtung zur sofortigen Auslöschung dieser Heimsuchung führen“, sagte er, ein wenig lauter.

Die stickende Höhle stank anders als die stickende Grotte vorher oder die stickende Kanalisation davor. Belfour ignorierte einfach seinen Sinn für Geruch und zwängte sich mit den anderen hinein. Die Felle kitzelten ihn an den Händen, der Magierstab schien fast an die Decke zu stoßen. Als der Rattling nach seiner Flasche griff, studierte Belfour ein wenig abgelenkt die Felllinien und den kahlen Rattenschwanz. Letzterer hatte eine überaus große Faszination auf den Zwergen und er überlegte sich, wie wohl die Runen für einen großen Rattenzwerg aussehen würde. Mit Schwanz.
Ein Grinsen überzog sein sonst so starres Gesicht, als Korporal den Trunk verweigerte. Kameradschaftlich – und vor allem zwergisch – stieß Belfour ihn in die Seite und griff dann selbst danach. Er machte nicht den Fehler daran zu riechen. Stattdessen nahm er zwei gut portionierte Schlücke und versuchte das kurze Beben in seinen Gliedern zu unterdrücken. Was auch immer es war, es brannte in seiner Kehle nach schien sie von innen zerfetzen zu wollen. Der Zwerg verzog keine Miene, maste sich ein hinterhältiges Lächeln an und reichte den Trunk weiter an den Sergeant. Sterbenskrank wurde er hoffentlich nicht von dem Zeug. Keine Rune seines Stabes glänzte. Schien ungefährlich zu sein.
„Jetzt bin ich gespannt“, polterte Belfour ein wenig lauter als er es normalerweise war: „Du sprachst gerade von der Herrin der Tiefe. Ich dachte, dass wir einen männlichen Dunkelelfen jagen? Gibt es da unten etwa eine ganze Brut?“
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#13

Stadtwache Aron

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Sergeant Broudi schaute die ihm gereichte Flasche unverwandt an. Schließlich rang er sich doch durch der diplomatischen Etikette genüge zu tun und nicht den alten Rattling mit einer unbedachten Abweisung seiner Gastfreundschaft zu verärgern. Höflich nahm er einen kleinen Schluck
Bei den sieben Höllen. Dagegen ist das illegale Zeug aus dem schwarzen Schaf wie lieblicher Wein. Er unterdrückte ein Keuchen, lächelte verkrampft höflich und reichte die Flasche an Django weiter, der ungerührte einen tiefen Schluck nahm und wohlig seufzte.

[Bild: ratling.jpg]

Als der Begrüßungstrunk seine Runde beendet hatte fuhr der alte Rattling fort zu erzählen.
»Die Herrin der Tiefe hat noch niemand zu Gesicht bekommen. Zumindest keiner, der danach davon hätte erzählen können. Wie die Stämme der Dunklen organisiert sind, entzieht sich mir. Aber die Weibchen sind wohl die, die im Hintergrund die Macht in den Händen halten. Ihre schweigsamen Krieger mit den alten seltsamen Waffen streifen manchmal durch die tiefen Tunnel. Aber meist sind es nur ihre bandagierten Kreaturen, behangen mit antiken Symbolen und uralter Magie, die ihre geheimen Aufträge ausführen. Manchmal kommen allerdings andersartige reisende Dunkle hindurch mit Zandurs Siegeln und brachialer Waffenkunst und brachialer, magischer Wut. Auch denen geht man besser aus dem Weg. Ach ja und dann...«
Der alte Rattling keckerte keuchend, was bei seinem Volk wohl eine Art Lachen andeuten sollte. »Und dann gibt es janoch den einen Schattenhaften, von dem der Alte Mann uns befohlen hatte ihn in Ruhe zu lassen und zu beschützen.«

»Und das sind nur die Dunklen. Daneben treiben sich hier noch die Schlickwürmer, Grubenkäfer, Grottenolme, Krokodile, zerlumpte Menschlinge und was weiß ich nicht alles herum. Aber die alle sind kaum mehr da, seit seit ein paar Monden sich die Leuchtenden hier oben rumtreiben. Wir wären auch schon weg, wenn die Botin der Bäume Achotosh
nicht die Mysterium des strahlenden Lebens gebracht hätte.«

Sergeant Broudi hing an den Lippen des alten Rattling und zog nachdenklich die Stirn kraus. Statt ein paar Hinweisen türmten sich neue Fragen über Fragen auf.

Ein jüngerer Rattling erschien am Eingang und stellte eine mitgebrachte Schüssel auf den kleinen Tisch zwischen den Besuchern. Nein, ein Rattlingmädchen. stellte Broudi fest, als er die zwei senkrechten Reihen mehrerer Wölbungen auf dem Bauch des Rattenwesens erkannte. Die Schüssel enthielt dampfende, kross gebackene Scheiben unbekannten Ursprungs.

Django flüsterte etwas zu dem jungen Korporal, worauf dieser rot anlief und schnaufte. Ein strenger Blick Broudies rief beide wieder zur Ordnung. Als das Rattlingmädchen sich wieder stumm entfernt hatte, fuhr der Sergeant mit der Befragung fort.
»Habt Ihr die Leuchtenden mit einem der Dunklen zusammen gesehen? Oder dass sie den selben Ort besuchten?«

Der Rattling grübelte. »Eigentlich... Mmmh seltsam. Jetzt wo der Menschling es sagt. Die Dunklen scheinen den Leuchtenden genauso aus dem Weg zu gehen wie wir.«

Broudi tippte auf dem Tisch vor sich, als würde er eine imaginäre Liste abhacken. »Die Leuchtenden, die Verbundenen, Die dunklen Stämme unter Zandurs Diensten und die unter anderen Herren. Dazu alte Stollen des Zwergenvolkes. Wo ist das Motiv? Wer profitiert von was?«

»Wenn wir der Spur unseren Dunklen weiter folgen, könnte es sein, dass wir -drei Soldaten und ein Zwergengelehrter- uns unvermittelt in einem Stützpunkt eines der verschiedenen dunklen Clans wieder finden. Bei den Sieben! Ich hatte nur damit gerechnet ein paar Tunnel, die Dreckwasser zum Meer tragen und ein paar Nischen in denen sich lichtscheues Gesindel versteckt, zu finden. Dabei habe ich eine Art Kontinent entdeckt, der nicht von der Sonne beschienen wird.«

Geistesabwesend griff Broudi doch in die Schale mit dem angebotenen Essen und stopfte sich davon etwas zwischen die Zähne. Zuerst wollte er es angewidert ausspucken, als im bewusst wurde, auf was er da rumkaute. Aber seine Miene änderte sich von Ekel zu verblüfften Erstaunen. »Was ist den das? Das ist gut.« Schnell hob er allerdings die behandschuhte Hand, bevor der alte Rattling antworten konnte. »Stop! Ich will es besser nicht wissen. Lassen wir es dabei, dass es lecker ist.«
Der alte Rattling lächelte.
»Also vielen Dank, ehrenwehrter Rattlinghäuptling, für Bewirtung und Auskunft. Wir haben mehr erfahren, als wir dachten und mehr Fragen gefunden, die wir hier und jetzt lösen können. «

Draussen beugte sich Broudi zu Belfour herunter und flüsterte leise. »Wir werden unseren Dunklen nicht fangen, indem wir ihm kopflos weiter hinterher stolpern. Das ist nun klar. Das hier ist sein Revier, so schmerzlich es ist, das zugeben zu müssen. Wir erwischen ihn nur, wenn wir ihm eine Falle stellen. Zu unseren Bedingungen.«
Broudi richtete sich auf und rief seine Leute zusammen. »Sammeln. Rückzug zur Oberfläche und dann zur Kaserne. Dann Waschen und Ausrüstungspflege. Meister Isenheim? Wohin geht es auf kürzestem Weg nach oben?«
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#14

Meister Belfour Isenheim

Runenkünstler
Zwerg
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Der Zwerg versuchte ebenfalls so schnell zu denken, wie es der Sergeant tat. Nur, dass seine Gedanken weniger militärischer oder diplomatischer Natur waren. Viel eher versuchte er seine Erinnerungen und Erlebnisse mit den Worten des Rattlings abzugleichen und zu verstehen. Den Dunkelelfen war sein Clan noch nicht begegnet. Die grobe Vorstellung der Breite und Tiefe der Gänge unter der Stadt zeichnete sich vor Belfours innerem Auge ab. Es war eine kleine Oase, die die eifrigen Steinmetze schufen, aber das alte Königreich war pompöser und größer gewesen. Nicht einmal ein Drittel der alten Gänge war freigelegt und restauriert – demnach konnten sie kaum behaupten, dass sie die Unterwelt beherrschen würden. Der heutige Tag hatte es nur zu deutlich gemacht.
Jedenfalls waren jene Gänge Dunkelelfenfrei, aber nicht frei von den Leuchtenden – und soweit der alte Magier es sagen konnte, schien der eine Spuk nicht mit dem anderen zu tun zuhaben.
Er wünschte sich, er hätte einen besseren Blick auf das Amulett des angreifenden Verbundenen geworfen. Nur zu gerne hätte er seine reichliche Imagination zurückgestellt und eine exakte Abbildung bekommen und diese dann im Magierturm recherchiert. Nun gut, er brauchte auch nichts mehr als die alte Sprache als Anhaltspunkt. Die Bücher würden für sich sprechen und ihm erklären, aus welcher grauen Vergangenheit die Dunkelefen noch kamen, seit wann sie verborgen ihre Unheiltaten anrichteten und warum sie noch keinen Pakt mit Zandur getroffen hatten – oder sich seine Kenntnisse noch nicht einverleibt hatten. - Und vielleicht, wenn ihn nicht alles täuschte, so würden die Bücher auch die ein oder andere List oder den ein oder anderen Zauberer offenbaren, gegen den die Alteingesessen nicht direkt ankommen könnten. Natürlich waren das meist menschliche Zauber, impulsiv und voller kurzer Härte, die schon alsbald verflog. Belfour würde etwas eigenes kreieren können.
Er konnte nicht verhindern, dass sich der Anflug eines Lächeln auf seinen Lippen legte, die Vorfreude einer kleinen, lehrreichen Suche und vor allem der Stolz, der sich dem Fündigen als Belohnung offenbaren würde, sein Herz schneller schlugen ließ.
Zum Glück gab es genau in diesem Moment eine Art Mahlzeit und nachdem der Menschenanführer diese lobte, griff auch Belfour zu und nahm sich ein paar des Fleisches. Grubenkäfer. Hatte er lange nicht mehr gegessen.

Der Zwerg schüttelte seinen Kopf, als der Broudi seine Liste an Motiven aufstellte: „Wenn es hier Gold gäbe, wäre das schnell geklärt“, sagte er scherzhaft und fuhr sich fahrig über seinen kurzen Bart: „Aber vermutlich geht es hier nur um den besten Lebensraum.“ Die Rattlinge, die im Schlick und Schlamm wohnten, die Leuchtenden, die von allen gemieden wurden und ohne Leben zu leben schienen und die Dunkelelfen, die schon immer hier waren. Ein unheimlicher Gedanke.
Und der Sergeant hatte Recht. Die Unterwelt ähnelte Aron, nur größer, unübersichtlicher und von mehreren Geisteskranken verwaltet und nicht nur von einem Grafen – wobei sein Clan natürlich von dieser Beschreibung ausgeschlossen war. Belfour hoffte inständig, dass Broudi seine Nase nicht allzusehr in Angelegenheiten stecken würde, die ihn wenig angingen. Zwar schien er ihm gescheit und fähig zu sein, nicht immer gleich alles laut auszusprechen und jede Vermutung mit seinen Vorgesetzten zu teilen, aber letzten Endes war er ein Mensch und schätzte die Menschendinge. Durch seine gescheite Art war er eine größere Gefahr für die wachsende Zivilisation unter der Erde als ein stumpfsinniger und törichter Hauptmann es gewesen wäre.

Der Meister nickte kurz zu den Erklärungen des Soldatens und widersprach nicht, als er nach dem kürzesten Weg nach oben gefragt wurde. Stattdessen grinste er verschlagen und deutete kurz auf die Decke: „Besonders schnell würde ein Tunnel nach oben gehen, aber ich würde davon abraten. Stattdessen würde ich vorschlagen den langen Weg der Kanalisation zu folgen und dann nach links abzubiegen – so gelangen wir ganz in die Nähe der Kaserne aus den Gewässern – und die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr Eurer Frau oder Kindern in dieser Aufmachung auf der Straße begegnet, senkt sich dadurch erheblich.“
Es war kein direkter Weg, aber die Wege an der Oberfläche waren auch nie besonders direkt. Belfour erlaubte sich auf dem Weg ein paar seiner Gedanken laut auszusprechen: „Von dem Vorfall, von dem Ihr spracht, bei des Herrn von Feldenbachs Hauses...“ Er zögerte: „Ihr sagtet der Dunkle hätte die Kreaturen geschickt.“ Belfour wollte beileibe nicht mit den heftigen Gefühlen eines Menschen über Verlust konfrontiert werden und so sah er sich vor, so wenig wie möglich in der Tragödie zu stochern: „Der Rattling behauptet aber, dass die Dunklen und die Leuchtenden sich voneinander fernhalten.“
Der Magierstab klopfte im Takt während der Zwerg, der nicht nur die Integrität der Soldaten, sondern auch seine eigene wahren wollte, gegen die Masse an Fäkalien ankämpfte: „Das lässt eigentlich eine Reihe von Rückschlüssen zu. Die Erste wäre, dass die Beobachtungen des Rattlings falsch wären, oder er mit Absicht die Unwahrheit sprach. Letzteres würde ich aber ausschließen.“
Selten akademisch präzise war dies ein seltener Moment Belfours, als er fortfuhr: „Die zweite bestünde darin, dass es sich um ein unglückliches Schicksal für den Dunklelelfen handelte. Doch ich kann dann nicht verstehen, wie meine Suchmaschine ihn fand – es sei denn natürlich, sie suchte nach einem der Kotzbrocken, den ich nicht im Sinn hatte. Oder aber es war ein Zufall... Ein seltsamer wohl wahr. Vielleicht verschwand der Dunkelelf auch bevor er sein Unheilswerk verrichten konnte, weil einer der Leuchtenden auf dem Weg war.“
Auch ein seltsamer Zufall. Alles fahrige Theorien, das musste der Zwerg zugeben: „Ich fürchte“, seufzte er, ehrlich betrübt: „Das Einiges an Arbeit vor mir liegt. Die Bibliothek mag vielleicht ein paar Antworten geben können.“ Das Hochgefühl, das er noch vor gut einer Viertelstunde darüber hatte, war nun bis auf weiteres verflogen.
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#15

Stadtwache Aron

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»Es gibt in meiner Zunft keine Zufälle,« dozierte Segeant Broudi. »Es soll immer nur wie einer aussehen. Aber ich muss gestehen, dass Eure Theorien ein durchaus plausiblen neuen Blickwinkel darstellen. Sollten sich der Dunkle und das leuchtende Unwesen unter dem Herrenhaus bekriegt oder gegenseitig aufgelauert haben? Und warum dort? Hat der Dunkle auf seiner Flucht etwas bei sich gehabt, was die Leuchtenden wollten?« Broudi kratzte sich grübelnd hinter dem Ohr. »In dem Fall wäre es wichtiger zu wissen wo der Dunkle herkam. Und was das gewesen sein könnte.« Das bedeutete akribische Ermittlungsarbeit. Broudi freute sich schon fast darauf. Obwohl seine Vorgesetzten lieber auf Ergebnisse pochten statt anscheinendes kleinteiliges Stöbern in Nichtigkeiten zu tolerieren. Was solls! Broudis gefährlicher Jagdinstinkt war geweckt. »Aber heut nicht mehr.«

Der vom Zwergen gewiesene Rückweg durch die Tunnel der Kanalisation war überraschend ereignislos. Wenn man von den Flüchen und etwas albernen Scherzen der beiden Wachsoldaten absah, die damit die aufgeladenen Spannung des Einsatzes abbauten. Broudi wollte sie im ersten Moment zur Ordnung rufen, brachte es aber nicht übers Herz, nach alldem seine Männer anzufahren. Als Korporal Django sich den Kopf  an einem niedrigen Gewölbesims stieß, genügte ein strenger Blick des Sergeanten um die beiden Soldaten daran zu erinnern, dass sie sich immer noch durch gefährliches Gebiet bewegten und Unachtsamkeit schlimmere Konsequenzen als einen blauen Fleck an der Stirn haben könnte. Broudi ließ es also damit Bewenden und gönnte sich selbst einen kleinen Seufzer der Erleichterung als mit lautem Knirschen sich der Kanaldeckel über ihn öffnete. (zur Strasse...)
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